Am 22. Oktober 1940 wurden auf Veranlassung des Gauleiters „Saarpfalz“, Josef Bürckel und des Gauleiters von Baden, Robert Wagner, 6.500 Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen verschleppt. Im Saarland wurden 134 Jüdinnen und Juden von der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ erfasst. Aus dem heutigen Kreis St. Wendel bzw.  aus St. Wendel und Tholey wurden 17 Menschen nach Gurs verbracht und zwei Jahre später über Drancy nach Auschwitz deportiert und ermordet. Eine weitere Spur der Erinnerung führt von St. Wendel nach Gurs.

Als der St. Wendler Bildhauer Leo Kornbrust 1978 daran ging, die Skulpturen, die seit 1970/1971 bei Bildhauersymposien auf der Baltersweiler Höhe entstanden waren, zu der 1979 offiziell eingeweihten Skulpturenstraße zu vereinigen, entdeckte er, dass diesen Plan rund 30 Jahre zuvor schon ein anderer gefasst hatte.  Der Maler und Bildhauer Otto Freundlich hatte um das Jahr 1936 die Idee zweier durch Europa verlaufender Skulpturenstraßen entwickelt. Daraufhin widmete Leo Kornbrust die Symposien und die 1979 daraus erwachsene „Straße der Skulpturen“ in St. Wendel dem von Gurs über Drancy nach Sobibor deportierten und dort ermordeten Otto Freundlich.[1] Seit 1988 erinnert zudem auf dem Fruchtmarkt von St. Wendel eine von Leo Kornbrust geschaffene kleine Steinpyramide an Leben und Sterben von Otto Freundlich und seiner für die Skulpturenstraße St. Wendel so bedeutende Idee. Sankt Wendel ist mit dem Lager Gurs noch aus einem anderen Grund verbunden. Die Familie Reinheimer und die Witwe Erna Berl wurden am 22. Oktober 1940 aus Sankt Wendel nach Gurs verschleppt. Weitere Jüdinnen und Juden aus dem heutigen Landkreis Sankt Wendel erging es ebenso. Die Datenbank auf der Seite gurs.saarland verzeichnet die davon betroffenen Einwohner:innen aus Stadt und Landkreis Sankt Wendel sowie aus dem Saarland.
Das erste Steinbildhauer-Symposion, aus dem sich dieses europaweit ausgreifende Kunstprojekt entwickelt hat, jährt sich in 2021 zum 50. Mal. Leo Kornbrust beließ es nach dem Abschluss der Skulpturenstraße in St. Wendel nicht dabei, sondern griff im Jahr 2001 den Plan Freundlichs erneut auf und machte sich daran, diesen umzusetzen.[2] Dieser hatte zwei Straßen, eine von Norden nach Süden zu Ehren von Paul Cézanne und Vincent van Gogh, eine „voie de la fraternité“, und die zweite von Paris nach Moskau, durch Frankreich, Deutschland, Polen und Russland geplant. Diese von Westen nach Osten verlaufende Straße sollte den Namen „voie de la solidarité en souvenir de la libération“ tragen. Am Schnittpunkt der beiden Straßen, in Auvers-sur-Oise, hat er den „Leuchtturm der sieben Künste“ vorgesehen.“[3]
Es blieb für Freundlich eine Idee in einer Zeit, in der sich Grenzen ausdehnten, jedoch nicht um Herrschaftsbereiche aufzuheben, und die Begegnung der Menschen zu fördern, sondern um diejenigen, die als Gegner und Feinde ausgemacht oder aufgrund ihrer Religion oder „Rasse“ als „Volksschädlinge“ denunziert wurden, daraus zu vertreiben. NS-Deutschland hatte mit militärischer Macht, dem Pakt mit anderen Staaten und der Politik des Appeasements zuerst seinen Herrschaftsraum nach Westen und nach 1941 nach Osten in Europa ausgedehnt. Zugleich wurde der für die vom Nationalsozialismus zu Gegnern und Feinden erklärte Raum enger. In Frankreich, wo Otto Freundlich lebte, war es am Ende ein Verschlag in Gestalt eines Kriechbodens unter dem Dach eines Bauernhauses gewesen, in dem man ihn schließlich verhaftete und von Gurs aus deportierte und in Sobibor ermordete.  In dieser Zeit, genauer, „1936 formulierte Otto Freundlich seine Idee einer völkerverbindenden Straße. 1936 haben es die politischen Ereignisse nicht zu einer Realisation kommen lassen.“ [4]  Das ist angesichts des im besetzten wie nach dem 10. November 1942 auch im ehemals unbesetzten Teil Frankreichs obwaltenden des NS-Terrors, dem Otto Freundlich als in Frankreich lebender deutscher Jude ausgesetzt war, eine zurückhaltende und geradezu moderate Formulierung.

Von der künstlerischen Wahlheimat zum Ort des Exils: Otto Freundlich in Paris

Der 1878 in Slupsk/Pommern im heutigen Polen geborene Künstler kam 1908 zum ersten Mal nach Paris. Es blieb auch im Folgejahr nur bei einem mehrwöchigen Aufenthalt, wenn auch in dem Atelierhaus „Bateau-Lavoir“, wo neben anderen Künstlern der Zeit Pablo Picasso sein Atelier hatte. Aus dieser Zeit rührt die Bekanntschaft mit dem Jahrhundertkünstler, den er zu dessen 50. Geburtstag 1931 mit einem Porträt würdigte.[5]  Nach Stationen in München, Berlin und Aufenthalten in Hamburg meldete sich Freundlich, wie so viele Künstler seiner Generation, als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg und wurde aufgrund einer Verwundung als Sanitätssoldat eingesetzt. Die 1920er Jahre waren auch im Schaffen Freundlichs von der ausschließlich verbal radikal beschworenen Verbindung von Kunst und Kommunismus, Dada, Novemberrevolution und den Hoffnungen auf eine grundlegende Veränderung in Kunst und Gesellschaft bestimmt. Dahinter stand die Hoffnung auf Umwälzung in der und durch die Kunst. Es sollte für ihn eine neue Kunst für neue Menschen einer neuen Gemeinschaft entstehen, von Solidarität, Gleichheit und Brüderlichkeit bestimmt. Otto Freundlich erwies sich damit als Mann und Künstler seiner Zeit, der sich als Avantgarde in Kunst und Gesellschaft verstand. Politisch war er insofern, als er seinen Platz „an der Seite des revolutionären Proletariats“[6] sah. Aber er war ungeachtet aller verbalen Entschlossenheit kein Macht- oder Parteipolitiker im Dienst der Kommunistischen Partei.  Der von ihm so bezeichnete „kosmische Kommunismus“  war eher von Beethovens Neunter im Sinne eines weltumspannenden Humanismus bestimmt als von Stalin:
„Wir müssen Seite an Seite des revolutionären Proletariats kämpfen. Was wir gedacht und geschaffen haben, ist ohne Wert für den gegenwärtigen Kampf. Dennoch ist es nicht wertlos. Aber es fehlt die mithelfende Kraft der Menschen, der Genossen. Warum sollten sie nicht bereit sein, das Schwierige zu verstehen, wenn sie wissen, dass es für sie gedacht und geschaffen wurde? Aber zuerst müssen sie das wissen, dass wir uns den harten Pflichten revolutionärer Solidarität nicht entziehen und sie mit Freude erfüllen wollen. (…) Wir müssen dazu bereit sein, diese künstlerische Entwicklung, der wir uns ausschließlich ein ganzes Leben lang widmeten und die uns Boykott und Armut eintrug, als abgeschlossen zu betrachten“, schreibt Otto Freundlich in eigener Sache in „Bekenntnisse eines revolutionären Malers“[7]

Das heißt, wovon Otto Freundlich pathetisch und gewiss auch mit großer Überzeugung sprach, hatte wenig mit dem Kommunismus stalin’scher Prägung zu tun, der die Säuberung der Partei von einstigen Genossen vorantrieb, die er zu Gegnern erklärt, inhaftiert und hingerichtet hatte. Wie manch‘ anderer seiner Künstlerkollegen stellte sich Distanz zum eher idealistisch, denn realistisch gesehenen Kommunismus, aufgrund der Schauprozesse in Moskau und dem Umgang Stalins mit den aus dem Spanischen Bürgerkrieg zurückgekommen Genossen ein, der jedem Anflug eines romantischen bzw. „kosmischen Kommunismus“ abhold war. Den gab es ohnehin nur als Vorstellung und festen Überzeugung des Künstlers von einer anderen, besseren Welt. Pablo Picasso war für ihn das Vorbild des „neuen Menschen“ Karl Marxscher Prägung, sprich frei und sich sowie der Natur nicht entfremdeten Menschen, wie er in seinem Porträt Picassos aus Anlass dessen 50. Geburtstag feststellt. Das „Freiheitsbedürfnis Picassos“[8] galt ihm dabei als „Grundvoraussetzung für jede künstlerische Veränderung, eine Erkenntnis, die er mittels seiner Überzeugung, im Kunstwerk ein Gleichnis zu sehen, auf die angestrebten Veränderungen im gesellschaftlich-politischen Bereich überträgt.“[9]  Die Realität war freilich, insbesondere in totalitären Systemen wie dem als Rettung betrachteten Kommunismus freilich eine andere. Otto Freundlich stellte seine Kunst in den Dienst der Idee von einer gerechten, solidarischen Gesellschaft. Er wandte sich der Welt zu, anstatt fern davon in einem Elfenbeinturm zu verharren. Das zeichnete ihn aus. Auch, dass er selbstbewusst dies mittels seiner eigenen Bildsprache tat, anstatt vordergründig mit seiner Kunst Propaganda zu machen. Für ihn ging es um den neuen Menschen, der solidarisch und friedfertig sein sollte. Dass er dafür eine neue Bildsprache nutzte, ist daher nur folgerichtig. Doch seine Kunst, die abstrakt und gegenstandslos oder um der aktuellen Bezeichnung die Ehre zu geben, „gegenstandsfrei“ war, hatte wenig mit der Staatskunst im Kommunismus und einem plakativen Realismus zu tun, der zum Dogma erhoben wurde. In Diktaturen ist die künstlerische Freiheit kein schützenswertes Gut. Im Gegenteil, der Kommunismus hätte ihn als „Formalist“ geschmäht und seine Kunst verboten.  Auch hier hätte ihn nur das Exil erwartet, um sich und seine Kunst zu retten. Doch diese Erfahrung blieb ihm erspart. Die nationalsozialistische Diktatur  hatte ihn bereits als Künstler verfemt. 14 Arbeiten Freundlichs wurden aus deutschen Museen entfernt und zerstört.[10] Zwei seiner Plastiken, „Der neue Mensch“ (1912) und „Kleiner Kopf“ (1916) wurden in der die Kunst der Moderne und die ihr  verbundenen Künstler diffamierenden Wanderausstellung „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 gezeigt.
Es waren gerade Freundlichs Kopfplastiken, in denen sich seine Vorstellung von Abstraktion als Akt der Befreiung hin zu einem von Solidarität geprägten Kollektiv ins Werk setzten und seine dafür unabdingbare Vorstellung eines neuen Menschen zeigten. Doch seine Kopf-Skulptur sollte zum von den Nationalsozialisten geschändeten und verhöhnten Symbol werden. Die Plastik „Der neue Mensch“ wurde in verzerrter Darstellung auf das Titelblatt des Ausstellungskataloges gesetzt. Aus seiner Wahlheimat Frankreich war nach 1933 ein Exil geworden. Auf die Verfemung als Künstler sollte zwei Jahre später die Internierung und danach die Verfolgung und die Vernichtung des Menschen Otto Freundlich. Dann auch mit Billigendes des Landes, in das er geflohen war: Frankreich.

Vom Wahlfranzosen zum „feindlichen Ausländer“, vom „Unerwünschten“ zum Opfer des NS-Terrors

In Otto Freundlichs Leben und seinem Sterben spiegelte sich die Politik gegen Jüdinnen und Juden in Frankreich nach Beginn des Zweiten Weltkriegs und in Folge dessen der Besetzung Frankreich durch NS-Deutschland. 1925 war Freundlich nach Paris zurückgekehrt. Frankreich wurde fortan zu seinem Lebensmittelpunkt. Er hielt sich nun dauerhaft in Paris und an anderen Orten in Frankreich auf. Er lebte zuerst in verschiedenen Hotels und nach 1931 in Wohnungen. Zu diesem Zeitpunkt wurde die bildende Künstlerin Jeanne Kosnick-Kloss zu seiner Lebensgefährtin.[11]  1936  bezog er ein Atelier in der 38, rue Denfert-Rochereau (heute: rue, Henri Barbusse). Dort eröffnete er seine private Kunstakademie „Le Mur“. In dieser Zeit entstand auch der Text „Sculptures-Montagnes“, die das Projekt des Leuchtturms der sieben Künste (1943) vorwegnahm und die Idee einer Skulpturenstraße skizziert. Im selben Jahr, als seine Werke aus Museen in Deutschland entfernt  und seine Arbeit in der Ausstellung „Entartete Kunst“ geschmäht wurden, bat er Sonia und Robert Delaunay darum,  ihm einige ihrer Arbeiten für eine in Zürich geplante Tombola zu überlassen. Deren Erlös sollte, den in Konzentrationslagern Inhaftierten zukommen. 1938 wurde er Mitglied des Freien Deutschen Künstlerbundes in Paris, der von ins Exil nach Paris getriebenen Künstlern gegründet worden war und der sich gegen die nationalsozialistische Kulturpolitik richtete. Otto Freundlich geriet, obzwar künstlerisch anerkannt, immer stärker in Existenznot. Als die Pariser Galerie Jeanne Bucher-Myrbor ihm zu seinem 60. Geburtstag eine Ausstellung ausrichtete, riefen in Frankreich lebende und für die Kunst der Moderne maßgebende Künstlerinnen und Künstler, darunter Picasso, Braque, Léger, Kandinsky, Kokoschka, Sophie und Hans Arp sowie Sonia und Robert Delaunay und viele andere zum Kauf einer Arbeit Freundlichs auf. Mit dem auf diesem Weg zusammengetragene Geld konnte die Gouache „Hommage aux peuples aux couleur“ – eine Vorstudie für das gleichnamige Mosaik – erworben und dem Museum Jeu de Paume überlassen werden. Freundlich schickte daraufhin eine Dankadresse an den Direktor des Museums und dankte dabei Frankreich, der Kulturnation, der er seit seiner Jugend verbunden ist. Doch das rettete ihn nicht, als der Zweite Weltkrieg ausbrach.
Die Folgen daraus waren für diejenigen ein Schock, die vor und erst recht nach 1933 in Frankreich Zuflucht gesucht, gefunden und sich mit dem Gastland identifiziert hatten. So glaubte sich etwa Hans Fittko, der Ehemann von Lisa Fittko bei Ausbruch des Krieges in Frankreich, wo er, seine Frau, seine Familie und andere vom NS-Terror ins Exil nach Paris Vertriebene sich aufhielten, auf der Seite des Landes, das ihn aufgenommen hatte. Doch dieses sah nach Kriegsausbruch in den Emigranten aus Deutschland nur noch „Feindliche Ausländer“: „Egal, unser Feind ist das Hitlerregime. Wir gehören zu denen, die es bekämpfen. Wir müssen mitkämpfen.“ (…) Zwei Tage später, unmittelbar nach der Kriegserklärung Frankreichs und Englands an Deutschland, erschienen an allen Mauern die großen roten Plakate: Feindliche Ausländer. Männer bis zu 65 Jahren, hatten sich unverzüglich im Stade Colombe einzufinden zwecks Einlieferung in Camps de Concentration. Die feindlichen Ausländer, das waren unsere Männer. Alle, die aus Deutschland und Österreich stammten: Juden, politische Emigranten, ‚Reichsdeutsche‘, Nazis oder Nicht-Nazis.“[12]

Diese Situation rührte daher, dass Gegner oder Verfolgte des Nationalsozialismus, die sich nach Frankreich gerettet hatten, nachdem Frankreich zusammen mit England Deutschland am 3. September 1939 den Krieg erklärte hatte, nun „Staatsbürger eines Feindstaates“  waren. Daher entsprach es auch internationaler Gepflogenheit, die wehrfähigen Männer des Kriegsgegners zu internieren, einerseits aus Furcht vor Spionage und Sabotage im eigenen Land, andererseits, um zu verhindern, dass sie in ihr Land zurückkehrten, um von dort aus am Krieg teilzunehmen.[13]  Davon waren alle deutschen oder deutschstämmigen Männer zwischen 17 und 56 Jahren sowie ab Mai 1940 alle Männer bis zum 65.  Lebensjahr interniert. Diese Regelung traf auch den damals 61-jährigen Otto Freundlich. Er wurde bald nach Kriegsbeginn als „feindlicher Ausländer“ von der französischen Polizei verhaftet und am 15. September für zwei Wochen im Stadion Colombes in Paris interniert. Danach wurde er nach Blois im Département Loir-et-Cher und von dort nach Francillon-par-Villebarou verlegt. Seine Lebensgefährtin Jeanne Kosnick-Kloss schickte ihm Farben, seine Pariser Galeristinnen Berthe Weill und Marie Cuttoli setzten sich für ihn ein. Sie bezeugten seine Verbundenheit mit seiner Wahlheimat. Sie scheiterten jedoch mit ihrem Werben, ihn freizulassen. Im Januar 1940 wurde er in ein anderes Lager in Marolles im selben Département und daraufhin nach Fossé verlegt. Von dort brachte man ihn nach Cepoy im Départment Loiret, wo er Anfang Februar 1940 entlassen wurde.
In Paris stellte er unmittelbar danach einen Antrag auf Einbürgerung. Bereits 1934 hatte Freundlich, mit Unterstützung von Georges Braque einen Antrag auf Naturalisation (Einbürgerung) gestellt. Damals konnte er die dafür anfallenden Gebühren von 1.400 Franc nicht aufbringen. Er hatte stattdessen eines seiner Bilder als Bezahlung angeboten, was jedoch abgelehnt worden war. Die Chance, dass er nach Kriegseintritt, der Besetzung eines Teiles von Frankreich durch NS-Deutschland und der eingesetzten Vichy-Regierung nun erfolgreich sein würde, war nicht gegeben. Zumal bereits die in Frankreich vorhandene Rechte für die Aufhebung der seit den 1920er Jahren erfolgten Einbürgerungen erfolgt war.[14]
Die französische Politik nach 1940 gegen Jüdinnen und Juden richtete sich, was Internierung und Deportation betraf, vor allem gegen deutsche und ausländische Jüdinnen und Juden. Darin unterschied sie sich von dem Vorgehen der Nationalsozialisten: „Ging es in Deutschland unmittelbar um die Ausschaltung jüdischer Bürger, so verfolgte der französische Gesetzgeber seine Ziele zunächst über den Umweg der Nationalität, ein Phänomen, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Judenpolitik des Vichy-Regimes gegen der deutschen Besatzung durchzieht: insgesamt ist das Moment der Fremdenfeindlichkeit stärker ausgeprägt als das des Antisemitismus, was auch durch die weitere Judenpolitik der Vichy-Regierung zum Ausdruck kommt.“[15] Demgemäß unterschied die Vichy-Regierung zwischen Jüdinnen und Juden mit französischem und nicht-französischem Pass. Das galt vor allem für diejenigen im von Deutschland damals noch nicht besetzten Teil Frankreichs, dem Einflussbereich der mit Deutschland kollaborierenden Regierung unter Marshall Petain: „Anfangs entschieden sich die französischen Machthaber dafür, die Juden mit französischem Pass zu schützen. (…) Auf nicht-französische Juden nahm die Vichy-Regierung keine Rücksicht; sie konnten deportiert werden. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen der Vichy-Regierung und dem deutschen Deportationsapparat. Nach statistischen Angaben wurden ca. 24.500 französische und etwa 56.500 der ausländischen oder staatenlosen Juden deportiert.“[16]  Das am 4. Oktober 1940 von der Vichy-Regierung erlassene Gesetz   zur Internierung und Auslieferung nichtfranzösischer Juden in Kriegszeiten vollzog diese Haltung.[17] Als französischer Jude hätte Freundlich wenigstens eine kleine Chance gehabt, den Internierungen und den Razzien der französischen Polizei, bei der nach ausländischen, vor allem deutsche Jüdinnen und Juden gesucht wurde bis 1942 zu entgehen. [18]  Im Mai 1940 wurde Freundlich daher nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich erneut in Paris, diesmal im Stadion Buffalo interniert, ganz so wie viele andere in Paris im Exil lebende Deutsche: „Die Deutschen überfielen Holland, Belgien, Luxemburg. Die großen roten Plakate erschienen wieder an den Mauern. Alle aus Deutschland stammenden Männer, die während des Winters aus irgendwelchen Gründen aus den Lagern entlassen worden waren, mussten sich wieder melden. Mein Bruder Hans (…) wurde mitten in der Nacht von Zuhause abgeholt und in das Pariser Stadion Buffalo gebracht.“[19]
Dieses Schicksal teilte er mit vielen seiner Künstlerkollegen, die wie er nach Paris geflohen waren, so auch mit dem Schriftsteller Franz Pfemfert, dessen Ehefrau darüber verzweifelte:  „Franz Pfemfert, Frankreichs treuer alter Freund, eingesperrt in einem französischen Lager! Als feindlicher Ausländer.“[20] Aus Paris wurde Freundlich mit den anderen in Paris Internierten nach Bassens im Département Gironde verbracht. Als er am 20. Juni freikam, floh er sofort in die unbesetzte Zone im Süden Frankreich in einem Zug mit dem Ziel Perpignan. In dem Dorf Saint-Paul-de-Fenouillet kam er in dem Hotel Le Galamus unter, überwacht von der örtlichen Polizei. Er erwog die Ausreise nach USA, konnte jedoch dafür die Kosten nicht aufbringen, da auch seine Gefährtin Jeanne Kosnick-Kloss zu ihm geflohen war. Im Jahr darauf versuchte er es im Oktober 1941 erneut, in die USA auszureisen, weswegen er dort lebende Freunde um Hilfe bat. Er scheiterte wiederum. Selbst wenn es ihm gelungen wäre, hätte er kaum noch ein Ausreisevisum erhalten können. Bis Mai 1941 wurde noch die Auswanderung von deutschen Jüdinnen und Juden aus Deutschland gefördert, was zur Folge hatte, dass die in Gurs internierten Jüdinnen und Juden keine Ausreisevisa mehr erhielten, obschon ihre in den USA lebenden Angehörigen die Kosten für Visum und Überfahrt tragen wollten. Die vorhandenen Visa waren für die aus Deutschland ausreisenden Jüdinnen und Juden vorgesehen.[21]  Zudem wurde es seit dem Kriegseintritt der USA schwieriger für deutsche Jüdinnen und Juden, ein Einreisevisum in die USA zu erhalten. Auch war die Durchreise durch Spanien unmöglich geworden, so dass nun der Weg in die Freiheit über Casablanca führte.[22] Hinzu kam noch, dass durch das am 25. November 1941 erlassene „Reichsbürgergesetz“ die in Südfrankreich versteckten oder in Lagern internierten Jüdinnen und Juden aus Deutschland ihre Staatsbürgerschaft verloren und somit staatenlos waren.[23]  In Vorbereitung der Wannsee-Konferenz, die bereits für Anfang Dezember 1941 geplant, am 20. Januar 1942 stattfand, verfügte ein Schnellbrief von Adolf Eichmann an das Auswärtige Amt am 19. November 1941, dass die Auswanderung von Jüdinnen und Juden aus den von Deutschland besetzten Gebieten verboten wurde.[24] In Deutschland war Jüdinnen und Juden bereits aufgrund eines Erlasses der Reichssicherheitshauptamt vom 23. Oktober 1941 die Ausreise für die die Dauer des Krieges verboten.[25]

Als Otto Freundlich im Jahr 1941 seine „Biographische Notiz“ in seiner Zuflucht in Saint-Paul-de-Fenouillet verfasst, endet er mit dem Hinweis, dass er 1939 und 1940 sein Atelier „Le Mur“ in Paris habe verlassen müssen.[26]  Dabei fällt auf, dass er auf sein Pariser Atelier im Präsens – „befindet sich“ – verweist. Es scheint, als ob er die Hoffnung hatte, dorthin wieder zurückkehren zu können. Auch in dem kleinen Dort Saint-Paul-de-Fenouillet versuchen er und Jeanne Kosnick-Kloss weiterhin künstlerisch zu arbeiten. Dafür baten sie ihre Freunde, ihnen Pinsel und Farben zuzuschicken.[27]  Doch das künstlerische (Weiter)Arbeiten geschah unter mittlerweile sich zuspitzenden Bedingungen für das Leben von jüdischen Deutschen in Frankreich, insbesondere in der unbesetzten Zone. Die Razzien auf ausländische Jüdinnen und Juden in Paris am 16./17. Juli 1942, die daraufhin im Pariser Radstadion „Velodrome d’Hiver“ (Vel d’Hiv) interniert wurden, waren ein „Warnsignal für die Juden in der unbesetzten Zone“[28]  Denn vier Wochen später wurde den Regionalpräfekten telegrafisch mitgeteilt, dass die Kriterien für Verhaftungen bzw. Abschiebungen deutlich eingeschränkt wurden.[29]  Das bedeutete, dass die französische Polizei staatenlose und ausländische Juden an ihren jeweiligen Wohnorten verhaften konnte, was ab dem 26. August 1942 erfolgte. In dieser Zeit soll Freundlich laut der biographischen Angaben von Joachim Heusinger zu Waldegg ein Gesuch an den Präfekten des Départments Pyrénées-Orientales gerichtet haben. Das genaue Anliegen wurde nicht mitgeteilt. Ungeachtet, worum, vermutlich ihn nicht mehr zu verfolgen, Otto Freundlich den Präfekten bat, war es aufgrund der anderslautenden Direktiven der Vichy-Regierung ein hoffnungsloses Unterfangen, wie Lisa Fittko resigniert, jedoch ohne Frankreich dafür die Schuld zu geben, feststellte: „Frankreich, unser Gastland, war uns zur Falle geworden. Frankreich musste sich ergeben; Der Waffenstillstandsvertrag – der Schandvertrag – gab die Emigranten aus Deutschland ihrer ehemaligen Heimat preis.“[30]

Nach der Besetzung der ehemals „freien“ Zone im Süden Frankreichs durch Deutschland am 10. November 1942 verschärfte sich die Lage für Otto Freundlich abermals. Er floh in das höhere gelegene Dorf Saint-Martin-de-Fenouillet. Dort fand er in einem Kriechboden unter dem Dach eines Bauernhauses eine Zuflucht. In diesem Verschlag arbeitete er weiter. In den frühen 1980er Jahren entdeckte die Kunsthistorikerin Rita Wildegans in einem Ofen seine dort versteckten Pinsel und Farben.[31]  Dort wurde Otto Freundlich am 20. Februar 1943 aufgrund einer Denunziation eines Nachbarn von zwei Feldgendarmen verhaftet und von Perpignan in das Lager Gurs gebracht. Nach einem Anschlag auf zwei deutsche Offiziere mussten als „Sühnemaßnahme“ 2.000 Jüdinnen und Juden aus der vormals unbesetzten Zone verhaftet  werden.[32] Dazu zählten nicht nur in Arbeitstrupps abgeordnete Juden und Internierte aus dem Lager Nexon, sondern auch isoliert lebende Juden wie Otto Freundlich. Das Lager Gurs war für „die im Südwesten der freien Zone Verhafteten“[33] zum Sammellager geworden. Die Belegzahlen waren am 28.  Februar 1943 auf 2.775 Personen angestiegen, obwohl am Vortag ein Transport mit 975 Juden von Gurs nach Drancy abging, dem auch Otto Freundlich angehörte. Wenige Monate zuvor waren dort im Vergleich zu dem Jahr 1940 „nur“ noch 719 Personen interniert gewesen. Diese verhältnismäßig geringe Belegung war die Folge der Deportationen über Drancy  nach Auschwitz im August und September 1942. Davon waren auch die meisten der Jüdinnen und Juden aus dem Saarland, der Pfalz und Baden betroffen, die in Folge der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ am 22. Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs verschleppt worden waren. Sie gilt als erste große Deportation vor den Deportationen in die Vernichtungslager in Osteuropa in Folge der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942. In Frankreich galten die ausländischen Internierten als „Unerwünschte/Indésirables“. Deren Kreis erweiterte sich nach Kriegsbeginn und noch einmal ab Mai 1940 nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich. Nun kamen Menschen in das Lager, die aus Deutschland geflohen waren und von dort zurück in den Tod geschickt wurden. Darunter waren auch Saarländerinnen und Saarländer, die nach 1935 nach Luxemburg,  in die Niederlande, nach Belgien und Frankreich emigriert waren und von dort in das Lager Gurs verbracht wurden. Otto Freundlich gehörte zu denen, die verhältnismäßig spät „geraffelt“ wurden:  „Unter den vielen Frauen und Männern, die draußen in der  sogenannten Freiheit ‚geraffelt‘ worden waren und im Sammelilot in Gurs eingesperrt hinter doppeltem Stacheldraht und bewacht von SS-Milizen saßen, fand ich immer wieder Bekannte.“[34]  „Raffeln“ ist eine Ableitung des französischen Wortes für „Razzia“ und in einem „Ilot“, dem französischen Wort für „Insel“ festgehalten wurden. Ein „Ilot“ im Lager Gurs bestand aus 25-27 Baracken.
Otto Freundlich verbrachte höchstens sechs und mindestens vier Tage in Gurs bevor er mit 975 männlichen Juden[35] in einem Transport nach Drancy und von dort mit weiteren Menschen in einem 1003 Personen, darunter 268 Deutsche, zählenden Transport  am 4. März in das Vernichtungslager Sobibor gebracht wurde. Nach Ankunft am 10. März in Chelm wurden 40  Männer selektiert und in das KZ Majdanek-Lublin verbracht.[36] Otto Freundlich befand sich nicht darunter.[37] In Sobibor wurden keine Namenslisten geführt. Daher ist es wahrscheinlich, dass er dort bald nach seiner Ankunft ermordet worden war.  Das ist nur eine Annahme, denn es ist ebenfalls möglich, dass er,  geschwächt von den erlittenen Strapazen in seinem Versteck, der Haft in Gurs und Drancy sowie aufgrund des mehrtägigen Transport in einem Viehwaggon auf dem Weg in das Vernichtungslager verstorben war. Ein genaues Todesdatum lässt sich daher nicht angeben.[38]

Die Dokumente: Interniertenkarte, Verhaftungsprotokoll, Steckbrief und Bittbrief

Im Departementsarchiv in Pau sind sowohl die Interniertenkartei des Lagers Gurs als auch die zu den Internierten angelegten Akten (Dossiers) verwahrt. Es existiert eine Karte für Otto Freundlich in der Interniertenkartei. Sie verzeichnet seinen Nach- und Vornamen sowie sein Geburtsdatum, den 10. Juli 1878 und mit „all“ für „allemagne“ seine Nationalität.

Lediglich Name, Geburtsdatum und Nationalität von Otto Freundlich wurden im Lager Gurs erfasst. Er wurde mit dem letzten Transport aus dem Lager am 27. Februar 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Quelle: ADPA Pau, Repro: Roland Paul

Alle weiteren Angaben wie Beruf, Name der Eltern, Ankunftstag im Lager, Aufenthaltsort, Guthaben und Wertgegenstände sowie „Rasse“ fehlen. Lediglich der Tag seiner Deportation mit dem Convoi vom 27. Februar 1943 ist vermerkt. Die unvollständig gebliebene Karte legt nahe, dass die in diesem Zeitraum verhafteten und in Gurs internierten nur kurze Zeit im Lager bleiben sollten. Sonst wäre die Karte korrekt ausgefüllt worden. Die fehlenden Angaben verweisen auf die in diesem Zeitraum veränderte Funktion des Lagers Gurs als Sammellager für Jüdinnen und Juden, die von dort aus  in die Vernichtungslager deportiert wurden. Ein längerer Aufenthalt, der eine ausgefüllte Interniertenkarte verlangt hätte, war nicht vorgesehen, denn zu diesem Zeitpunkt war Gurs zum Sammel- und Durchgangslager geworden. Das zu Otto Freundlich im Departementsarchiv  Pau vorhandene Dossier verzeichnet drei Schriftstücke: Das Verhaftungsprotokoll, eine Personenbeschreibung des Verhafteten sowie in Bittbrief von Jeanne Kosnick-Kloss an den Präfekten des Département Pyrénées-Orientales und ein kurzes Adressanschreiben, das mit den drei Schriftstücken von der Präfektur an den Leiter des Lagers Gurs für dessen Ablage zum Verbleib geschickt wurde.
Das Festnahmeprotokoll weist den 21.  Februar um 8.15 Uhr als Datum aus, an dem zwei Feldgendarme namens Delpech und Cousseau Otto Freundlich in seinem Versteck in Saint-Paul-de-Fenouillet festnahmen und damit den am 20. Februar 1943 ausgestellten Haftbefehl vollstreckten.

Verhaftungsprotokoll von Otto Freundlich am 21. Februar 1943,der am 20. Februar von zwei Gendarmen in seinem Versteck, einem Speicher in Saint Martin-de-Fenouillet aufgespürt worden war. ADPA Pau, Dossiers 20.259, Repro: Roland Paul.

In der Literatur zu Freundlich wird der 23. Februar 1943[39] genannt, was sich daher als nicht zutreffend erweist. Aus dem Protokoll geht hervor, dass Freundlich als „sujet israëlite“ bezeichnet wurde, was als Grund für seine Festnahme galt. Der Vorgang wurde dabei im Diktum der Kollaboration – erst Nachname, dann Vorname –  als „l’arrestation de l’israëlite Freundlich, Otto“ bezeichnet. Das Protokoll vermeldet als wörtliches Zitat in der Schrift Freundlichs Angaben zu Alter, Geburtsdatum, Herkunft, Name der Eltern, Familienstand und Nationalität. Im Weiteren heißt es, dass er diese Angaben durchgelesen, bestätigt und geschrieben habe. Es wurde ihm erklärt, dass er im Namen des Gesetzes verhaftet sei und man ihn nach Perpignan begleite. Er hatte einen Ausweis bei sich, der am 23. Februar 1942 auf seinen Namen von der Präfektur Pyrénées-Orientale ausgestellt worden war. In seiner Geldbörse wurden zum Zeitpunkt der Festnahme 100 Franc sichergestellt, die man ihm zu seiner freien Verfügung überließ.
Die Festnahme begleitet eine Personenbeschreibung, die frei von antisemitischen und rassistischen Zuschreibungen ist, was seine Physiognomie betraf. Bei einer Größe von 1 Meter 69 Zentimeter sei er von mittlerer Statur, mit braunen Augen, ergrautem Haar, und was Stirn, Nase und Mund betreffe, durchschnittlich gebaut. Jedoch hatten die Wochen in dem Verschlag unterm Dach Spuren in seiner Erscheinung hinterlassen. Diese wurde als „completement raté“, völlig daneben oder wohl eher als „komplett heruntergekommen“ beschrieben. Otto Freundlich trug eine beige Schiebermütze, mahagonifarbene Schuhe und einen schwarzen Mantel mit grauen Streifen. Es handelt sich dabei um die Kleidung, die er auch auf Fotografien aus den Vorjahren getragen hatte.[40] Mehr war ihm neben seinen Malutensilien nicht mehr geblieben. Zuvor hatte er noch seiner Lebensgefährtin das Modell seines „Leuchtturms der sieben Künste“ überlassen. 

Ein Bittbrief der Lebensgefährtin von Otto Freundlich an den Präfekten in Perpignan

Jeanne Kosnick-Kloss blieb es nun überlassen, ihren Lebensgefährten aus dem Lager Gurs zu befreien. Es war jedoch ein aussichtsloses Unterfangen, so wie es bereits im Vorjahr gewesen war, als Otto Freundlich noch selbst ein Gesuch an den Präfekten gestellt hatte, denn der Präfekt des Départements Pyrénées-Orientale war ebenso verantwortlich für das Lager Gurs[41] wie auch für die Festnahme ausländischer Juden und deren Internierung in Gurs. Jeanne Kossnick-Kloss richtete am 24. Februar, drei Tage nach der Festnahme von Otto Freundlich ein Schreiben an den Präfekten. Daraus geht hervor, dass er von Saint-Martin-de-Fenouillet zuerst nach Perpignan und von dort nach Gurs verbracht worden war. Sie nannte darin seine Herkunft und sein Alter, das auf seine Konstitution – „n’est pas solide“ – Einfluss habe. So höre er nicht mehr gut. Der Brief war im Folgenden darauf angelegt, die politischen Aktivitäten Freundlich, der sich als Künstler zur Revolution des Proletariats bekannte, an dessen Seite er stand, notwendig klein zu reden, wenn nicht komplett zu ignorieren. Freundlich wurde von ihr als ganz für seine Kunst lebender Künstler geschildert, der sich für Politik nicht interessiere, ja ihr gleichgültig gegenüberstehe und sofern er politisch handele, dann als Altruist den Menschen zugewandt und im Grunde harmlos. Sie erwähnte seine Bekanntschaft mit Picasso und das Atelier Freundlichs in Paris. Genau besehen, traf ihre Schilderung auf den politischen Otto Freundlich der 1920er und frühen 1930er Jahre zu: Politik, das war ein Gefühl der Solidarität und der Brüderlichkeit. Das hatte, ungeachtet der rotgefärbten Rhetorik wenig mit Parteikommunismus zu tun. Freundlichs Kommunismus war ein „kosmischer“, der wenig mit der Realität zu tun hatte. Jeanne Kosnick-Kloss beschrieb in ihren Worten genau diesen Umstand. Zugleich versuchte sie die Verbundenheit Freundlichs mit Frankreich hervorzuheben.

Schreiben der Lebensgefährtin von Otto Freundlich, Jeanne Kosnick-Kloss vom 24.02.1943 an den Präfekten in Perpignan, um die Freilassung von Otto Freundlich aus dem Lager Gurs zu erreichen. Auf dem Blatt ist mit „convoi 27-2-43“ das Datum der Deportation Otto Freundlich nach Sobibor notiert. Quelle: ADPA Pau, Dossier 20.259, Repro: Roland Paul, Blatt 1

Er habe sich um die Einbürgerung bemüht, jedoch habe dies der Kriegsbeginn verhindert. Sie schilderte dessen Internierung durch ein Land, dem er immer mit Respekt und Zuneigung begegnet sei. Sie bat daher den Präfekten um die Freilassung Freundlichs, der nichts Verbotenes getan oder sich jemals gegen Frankreich, das ihn aufgenommen habe, je schlecht verhalten habe.
Dem Verhaftungsgrund begegnete sie mit dem Hinweis, dass Otto Freundlich kein praktizierender Jude oder überhaupt religiös sei und dessen Familie zum Protestantismus konvertiert sei. Eindringlich bat sie daher für ihn, der „ein großes Kind“ sei und für sich um Gnade und Erbarmen. Auch stehe er einen Aufenthalt in einem Konzentrationslager nicht durch, da er medizinische Versorgung brauche.  Angst und Sorge bestimmten diesen Brief, den Jeanne Kosnick-Kloss an den Präfekten richtete. Der Schriftvergleich von Unterschrift und Brieftext legt nahe, dass sie den Brief nicht selbst geschrieben hat, sondern, dass eine Muttersprachler:in ihn für sie verfasst hat. Er bleibt ein Zeugnis für eine große Verzweiflung über den Verlust jeglicher Sicherheit in einem Land, das man zu seiner Wahlheimat gemacht hatte, und von dem man kaum glauben konnte. Dass es einen nun verriet. Diese Hoffnung wollte sich Jeanne Kosnick-Kloss ebenso wie auch Lisa Fittko nicht nehmen lassen.
Doch die Bitte von Jeanne Kosnick-Kloss wurde nicht erhört. Otto Freundlich blieb im Ilot 18, wie am Rand des Schreibens vermerkt ist. Von Gurs wurde er am 27. Februar 1943 nach Drancy verbracht. Im Lager Gurs hielt er sich, sofern er von Perpignan noch am selben Tag nach Gurs verlegt wurde,  frühestens ab 21. Februar auf. 

Die Lebensgefährtin von Otto Freundlich, die Künstlerin Jeanne Kosnick-Kloss schrieb nach dessen Verhaftung einen Brief an den Präfekten in Perpignan und bat um die Freilassung von Otto Freundlich.
Quelle: ADPA Pau, Dossier 20.259, Repro: Roland Paul

Es war eine knappe Woche, ein Aufschub, bevor man ihn verschleppte und ermordete. Ein letztes Dokument findet sich im Dossier über Freundlich in Pau. Es ist das Deckblatt einer Nachricht abgestempelt am 18. März 1943. Diese wurde von der Präfektur dem Leiter des Lager Gurs für dessen Gebrauch geschickt. Sie enthielt das Schreiben Jeanne Kosnick-Kloss an den Präfekten und das Festnahmeprotokoll. Der Name Otto Freundlich war darauf handschriftlich vermerkt wie auch das Datum seiner Deportation aus Gurs und die lapidare Anordnung, was mit diesen Schriftstücken zu tun sei: „a classer“, für die Ablage. Zu diesem Zeitpunkt war Otto Freundlich seit mehr als einer Woche tot. Etwas mehr als zwei Wochen, nachdem man ihn in seinem Versteck verhaftet hatte, war er nach Tagen der Qualen eines Transportes über viele tausend Kilometer in einem Vernichtungslager ermordet worden.  
Nur wenige Wochen später begann sich die Situation in der ehemals unbesetzten Zone zu ändern, in die Otto Freundlich drei Jahre zuvor geflohen war. Die allmählich sich abzeichnende Niederlage Deutschland an der Front im Osten, insbesondere die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad, die Landung der Alliierten in Nordafrika und die Einführung des verpflichtenden Arbeitsdienstes für junge Franzosen veränderten das Klima in der Bevölkerung wie auch in der für die Verfolgung zuständigen Polizei- und Gendarmerie. [42]  Vielleicht hätte in einer solchen Situation der Nachbar, der Otto Freundlich denunziert und ihn damit in den Tod geschickt hatte, dies unterlassen. Wer weiß.

„Für die Ablage“: Mitteilung der Präfektur des Départements Pyrenées-Orientales an den Leiter des Lagers Gurs vom 18. März 1943. Otto Freundlich war, worauf das Datum „27/2.43“ verweist, an diesem Tag von Gurs in Richtung Drancy verschleppt worden. Quelle: ADPA, Dossier 20.259/Repro Roland Paul

Nachleben und Weiterleben der Idee

„Wir haben eine Aufgabe. Unsere Aufgabe ist jetzt, aus dieser Falle zu entkommen“,[43] hatte Lisa Fittko für sich beschlossen und hatte anderen geholfen, dass sie ihren Verfolgern entkamen und auf einen anderen Kontinent fliehen konnten. Otto Freundlich war dies es nicht möglich gewesen. Seine Gefährtin trug seine Idee von Europa im Zeichen von Brüderlichkeit und Solidarität querenden Skulpturenstraße in den 1950er Jahren weiter. In Auvers-sur-Oise, dem Begräbnisort von Vincent van Gogh sollten sich die beiden Straßen kreuzen. Dort sollte der „Leuchtturm der sieben Künste“ entstehen, gedacht als eine Art Kunstzentrum und Gedenkstätte. Dass daraus schließlich viele Jahre später doch eine ganz Europa durchziehende Straße der Skulpturen entstand, ist dem St. Wendeler Bildhauer Leo Kornbrust, seinen Bildhauerkolleginnen und -kollegen, Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu verdanken. Als man in St. Wendel Bildhauersymposien veranstaltete, entdeckten die Künstler, dass die Idee einer europaweiten Skulpturenstraße bereits ein anderer viele Jahrzehnte zuvor entwickelt hatte: Der Bildhauer und Maler Otto Freundlich. Darauf verweist Leo Kornbrust: „Und da haben wir das Symposion sofort ihm gewidmet. Gedanken, die wir heute haben, hatte er schon ’26 (sic!) gedacht. An dieser Idee ändert sich nichts.“[44]  So wurde Freundlichs Idee weitergetragen, ganz so wie er es einmal formuliert hatte: „Das Werk des Künstlers ist eine Summe konstruktiver Akte. Künstlerische Kultur war und ist immer dasselbe: Vorbereitung für die Zukunft.“[45] Die Ironie im Leben Freundlichs liegt darin, dass er, der Grenzen überwinden wollte, an denen des Nationalismus und Rassismus gescheitert ist. Kunst bietet jedoch immer auch die Möglichkeit, dies zu ignorieren. Sie lässt der Utopie Raum. Sie feiert den Mythos unter Ausblendung der Realität. Kunst erweist sich dann als blinder Spiegel der Realität. Oder ist die Kunst doch ein Teleskop, mit dem man in eine ferne Zukunft schauen kann? Wie es um Freundlich und seine Idee bestellt, dass Kunst die Menschen und Länder zu verbinden vermag? Schaut man auf dessen von Verfolgung und Vernichtung geschundenes Künstlerleben war ihm diese Idee ein Zeichen der Hoffnung.

Der Beitrag erschien zuerst in den Saargeschichten, Heft 1, 2021

Anmerkungen

[1]              Interview 4: Leo Kornbrust im Gespräch mit Monika Bugs. Herausgegeben von Jo Enzweiler, Institut für aktuelle Kunst im Saarland. Saarbrücken 1995, S. 5.
[2]              Leo Kornbrust: Vorwort. In: Straße des Friedens. Straße der Skulpturen in Europa. Hommage à Otto Freundlich. (Katalog) Herausgegeben von Leo Kornbrust. St. Wendel/Dillingen 2001, S. 7.
[3]              Ebd., S. 2.
[4]              Ebd., S. 7.
[5]              Otto Freundlich: Picasso zu seinem 50. Geburtstag. In: Otto Freundlich Schriften. Herausgegeben von Uli Bohnen. Köln 1978, S. 178-180.
[6]              Otto Freundlich: Schriften. Hg. von Uli Bohnen. Frankfurt 1978, S. 197 zit. in: Joachim Heusinger von Waldegg: Otto Freundlich – Eine kommentierte Biografie“. In: Otto Freundlich (1878-1943). Leuchtturm der sieben Künste. Ein utopisches Denkmal. (Katalog). Dillingen/St. Wendel 2007, S. 66-74; S. 72.
[7]     Otto Freundlich: Bekenntnisse eines revolutionären Malers. In: Otto Freundlich: Kosmischer Kommunismus. Herausgegeben von Julia Friedrich. Katalog. München, London, New York. S. 4-17; S. 4.
[8]     Rena Karaoulis: Die Straße der Skulpturen. Vom Bildhauersymposion zur Straße des Friedens in Europa. Saarbrücken 2005. S. 59.
[9]     Ebd.
[10]   Joachim Heusinger von Waldegg: Otto Freundlich – Eine Kommentierte Biografie, a.a.O., S. 73; Dazu auch: Mandy Wignanek: Gefälschte Ikone . Der „Große Kopf“ in der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“. In: Kosmischer Kommunismus, a.a.O., S. 206-215.
[11]   Detaillierte und kommentierte biografische Daten zu Otto Freundlich liefern Joachim Heusinger von Waldegg: Otto Freundlich – Eine Kommentierte Biografie, a.a.O., S. 66-74; Julia Friedrich: Biografie. In: Otto Freundlich. Kosmischer Kommunismus, a.a.O., S. 302-323. Sofern nicht anders vermerkt, stammen die Informationen zum Leben von Otto Freundlich aus diesen beiden Beiträgen.
[12]   Lisa Fittko: Solidarität unerwünscht. Erinnerungen 1933-1940. Frankfurt/Main 1994. S. 188/189.
[13]   Gerhard J. Teschner: Die Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden am 22. Oktober 1940. Vorgeschichte und Durchführung der Deportation und das weitere Schicksal der Deportierten bis zum Kriegsende im Kontext der deutschen und französischen Judenpolitik. Diss. Frankfurt/Main, Berlin, Bern u.a. 2001. S. 109.

[14]   Ebd., S. 113.
[15]   Ebd., S. 117.
[16]   Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibor. Berlin 1998. S. 271.
[17]   Ebd., S. 120/121.
[18]   Ebd., S. 233, 276/277.
[19]   Lisa Fittko: Solidarität unerwünscht, a.a.O., S. 209.
[20]   Ebd., S. 192.
[21]   Gerhard J. Teschner, a.a.O., S. 252/253.
[22]   Ebd., S. 249.
[23]   Ebd.
[24]   Ebd., S. 261.
[25]                Ebd., S. 252/253.
[26]   Otto Freundlich: Biographische Notiz des Malers und Bildhauers Otto Freundlich, von ihm selbst verfasst. In: Otto Freundlich: Schriften. Hg. von Uli Bohnen. Frankfurt 1978. S. 252-253.
[27]   Brief von Otto Freundlich und Jeanne Kosnick-Kloss an das Ehepaar Gutmann, 14.04.1942 zit. in: Verena Franken: Zur Maltechnik von Otto Freundlich am Beispiel des Spätwerks. In: Kosmischer Kommunismus. Hg. von Julia Friedrich, a.a.O., S. 224-229, S. 227.
[28]   Gerhard J. Teschner, a.a.O., S. 274.

[29]   Ebd., S. 294.
[30]   Lisa Fittko: Solidarität unerwünscht, a.a.O., S. 214.
[31]   Siehe Anm. 29; Auch: Gabi Heleen Bollinger: „Der Plan des Bildhauers“ (Film), Saarländischer Rundfunk 2013.
[32]   Gerhard J. Teschner, a.a.O., S. 307.
[33]   Ebd., S. 308.
[34]   Ludwig Mann: Heldentum in Gurs. In: Hans-Joachim Fliedner: Die Judenverfolgung in Mannheim 1933-1945, Band 2. S. 101-107, S. 103 zit. in: Gerhard J. Teschner, a.a.O., S. 307/308.
[35]   Gerhard J. Teschner, a.a.O., S. 308.
[36]   Jules Schelvis: Vernichtungslager Sobibor, a.a.O., S. 272.
[37]   Im Film „Der Plan des Bildhauers“ erscheint zwar sein Name auf einer in der Gedenkstätte Majdanek erhaltenen Liste. Jedoch handelt es sich um einen Mann gleichen Namens. Bei Heusinger-Waldegg wird als Todesort das KZ Majdanek angegeben. Auch nennt er als Todesdatum den 9. März 1943 als Ankunfts- und Todestag Freundlichs was sich als falsch herausgestellt hat.
[38]   Julia Friedrich: Kosmischer Kommunismus, a.a.O., S. 315.
[39]   Siehe dazu Anm. 13.
[40]   Julia Friedrich: Kosmischer Kommunismus, a.a.O., S. 313.
[41]   Gerhard J. Teschner, a.a.O., S. 109, S. 113.
[42]   Ebd., S. 311-312.
[43]   Lisa Fittko: Solidarität unerwünscht, a.a.O., S. 312.
[44]   Interview 4: Leo Kornbrust im Gespräch mit Monika Bugs, a.a.O., S. 5.
[45]   Otto Freundlich, Aussage aus dem Jahr 1942 zit in: Felicitas Frischmuth: Zur Erinnerung. In: Straße des Friedens. Straße der Skulpturen in Europa. Hommage à Otto Freundlich. Hg. von Leo Kornbrust. Dillingen/St. Wendel 2001, S. 24.