Deutschland und Frankreich bezogen sich seit der Französischen Revolution auf ein dem griechischen Dichter Simonides zugeschriebenes Epigramm. Dieses fordert auf zum Gedenken an die Schlacht bei den Thermopylen. Dabei erlitten im Jahr 480 vor Christus die den einfallenden Persern Widerstand leistenden Spartiaten um König Leonidas eine, auf Verrat fußende, todbringende Niederlage. Dabei wurde das Epigramm in beiden Ländern jeweils anders interpretiert. In Frankreich wurde es im 20. Jahrhundert, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus und nach 1945 in Erinnerung an die Opfer des Widerstands gegen die Nationalsozialisten verwendet. Dabei wurde explizit auf die damit verbundene Verteidigung der Werte der Französischen Revolution, der Republik und der Nation verwiesen. In NS-Deutschland wie auch in der Zeit nach 1945 stand das Epigramm im Zeichen des Totenkultes und der Heldenverehrung. Die 1947 eingeweihte erste Gedenkstätte vor dem ehemaligen Gestapo-Lager Neue Bremm bezeugt diese unterschiedliche Rezeption der antiken Schlacht bei den Thermopylen auf besondere Weise.
Innehalten und Weitergehen – Eine Saarbrücker Choreographie
Die Thermopylen bildeten einen Engpass zwischen dem Meer und dem Kallidromosgebirge in Mittelgriechenland. In der Antike hatte der Engpass einen hohen strategischen Wert, da dort der einzige Weg von der Küste am Malischen Golf nach Innergriechenland verlief. In der Schlacht an den Thermopylen im Zweiten Perserkrieg um 480 vor Christus stellte sich der Spartanerkönig Leonidas mit seinen 300 Soldaten in diesem Engpass dem einfallenden, übermächtigen persischen Heer entgegen und leistete Widerstand. Der Widerstand wurde jedoch durch Verrat gebrochen, indem den Persern von einem Griechen ein Umweg durch das Gebirge gewiesen wurde. Daraufhin konnten die den Engpass besetzt haltenden Spartiaten auch von der Rückseite angreifen und damit schlagen. Eine Stele mit einer Tafel mit Inschrift erinnert an diesem Ort an die Schlacht und an König Leonidas. Das Epigramm wurde fälschlicherweise dem griechischen Dichter Simonides von Keos zugeschrieben. Es lautet: „Fremder, melde den Lakedämoniern, dass wir hier/liegen, den Worten jener gehorchend.“ Marcus Tullius Cicero besorgte in „Gespräche in Tusculum“ die Übertragung ins Lateinische: „Sag, Fremdling, zu Sparta, du habest uns hier liegen sehen,/ wie wir die heiligen Gesetze des Vaterlands befolgten.“ Es gibt eine Reihe von Übertragungen ins Deutsche seit dem 18. Jahrhundert. Im Lauf des 19. Jahrhunderts setzte sich die Übersetzung des Zweizeilers durch Friedrich Schiller in dessen 1795 entstandenen Gedicht „Der Spaziergang“ im deutschen Sprachraum durch: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest/uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“
Das ferne Sparta und das nahe Saarbrücken, was verband sie miteinander? Das war die 1947 vor dem ehemalige Gestapo-Lager Neue Bremm auf Anordnung des Militärgouverneurs Gilbert Grandval errichtete Gedenkstätte. Es war eine bewusste Entscheidung Grandvals, dass die Gedenkstätte nicht auf dem ehemaligen Lagergelände errichtet wurde. Das lag nicht nur an der aufgezogenen Blickachse zum Rothen Berg, dem Schlachtfeld vom 6. August 1870, auf dem Preußen und Franzosen aufeinandergetroffen waren. Das Konzept der Gedenkanlage sah die Sperrung der Straße bei den Gedenkfeiern vor. Die Gedenkstätte war mit der auf der größten von vier Verkehrsinseln auf der Metzer Straße errichteten Stele komplett und erfüllte so ihre Aufgabe, Mahnung und Warnung gleichermaßen zu sein.

Abschreiten der entlang des Obelisken aufgestellten Militärformation durch französischen Botschafter im Saarland, Gilbert Grandval. Dafür wurde alljährlich aus Anlass der Gedenkstunde am 11. November die Metzer Straße gesperrt. Quelle: Saarländisches Landesarchiv, Nachlass Oettinger/Presse Photo Actuelle 243_29.
Die Straße für Gedenkstunden zu sperren, war ein eindrückliches Signal an den ehemaligen und jeden vermeintlichen Aggressor jenseits des Rheins, sprich die Preußen. Dieser Akt zeigte, dass man sich ihnen entgegenstellen wird und sich fortan gegen jeglichen Einfall sperrt. Denn hier war alles symbolgeladen und erhaben. Dabei wurde nichts dem Zufall überlassen. Selbst der Platz war ein in den Raum gelegter Gedankenstrich, buchstäblich ein Gedenkraum. Er blieb bei Gedenkstunden frei, um dem Gedenken Raum zu geben. Die Teilnehmenden mussten sich an den Schrägseiten des Platzes aufstellen. Denn dem Ort war eine Choreographie eingeschrieben: Man bewegte sich jeweils von den Seiten des Platzes in dessen Mitte und ging gemeinsam zu der vor dem Lager aufgestellten Gedenktafel. Man stand lediglich davor und betrat ganz bewusst nicht das ehemalige Lagerareal, wie der Militärgouverneur Gilbert Grandval bei der Einweihung der Gedenkstätte am 11. November 1947 erklärte:
„Betrachten Sie alle, die Sie nun hier anwesend sind, das Lager. (…) Vor diesem geweihten Ort wird der Wanderer stehenbleiben und lesen, was die bronzenen Lettern verkünden (…). Wir wollten, dass es von Stacheldraht umgeben bleibe, aber nur, damit nie mehr ein Mensch dort eindringen kann.“[1]
Anmerkungen zu dem Begriff des „Wanderers“
Das entscheidende Wort ist hier „Wanderer“. Es gibt eine Haltung vor, die jede Passantin, jeder Passant an diesem Ort einzunehmen hat. Hier wurde den Besucherinnen und Besuchern des Ortes ein Auftrag erteilt. Er führt zu der in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert kanonisierten Schiller-Übersetzung des Epigramms oder wahlweise zur Stele mit Inschrift an den Thermopylen. Die Botschaft ist hier auf der Gedenkstätte buchstäblich ins Bild gesetzt. André Sive, Stadtplaner und Architekt und seinerzeit mit dem Wiederaufbau in Saarbrücken befasst, entwarf auf Geheiß von Gilbert Grandval eine Anlage, die der griechischen wie auch der französischen Sichtweise auf die Schlacht bei den Thermopylen entsprach.
Das trifft auch auf diejenigen zu, denen man an diesem Ort gedenkt. Die Märtyrer sind hier die Mitglieder der Résistance, die über Saarbrücken in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau, Mauthausen verschleppt wurden. Das galt für die Männer und nur denen gedachte man auf der 1947 eingerichteten Gedenkstätte. Dass rund 1.300 im französischen Widerstand aktive Frauen über das Lager Neue Bremm in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht wurden, war für das Nachkriegsfrankreich, vertreten durch den Militärgouverneur an der Saar, Gilbert Grandval nicht der Rede und des Gedenkens wert. Ungeachtet dessen trug das Wort vom „Wanderer“ eine Handlungsanweisung mit sich: Davorstehen, Hinsehen, Gedenken, Weitergehen und Weitergeben.

Ehrbezeugung und Gedenkminute des Französischen Botschafters Gilbert Grandval und Vertretern aus Militär und Verwaltung vor dem Pult mit der Gedenktafel für die im Lager Neue Bremm inhaftierten Franzosen bei der Gedenkstunde am 11. November 1952. Quelle: Saarländisches Landesarchiv, Nachlass Oettinger/Presse Photo Actuelle 198_15.
Der Wanderer in der französischen Gedenkkultur
Bemerkenswert ist, dass hier von der französischen Gedenkkultur eine Losung in Anspruch genommen wurde, die auch seit dem 19. Jahrhundert und vor allem von den Nationalsozialisten für Helden- und Opfergedenken eingesetzt worden war. In Frankreich bestand seit 1789 eine Tradition was den Umgang mit dem Epigramm anging.[2] Die Spartaner wurden in Frankreich nach 1789 als „Bürgersoldaten“ gedeutet, welche die Freiheit des Staates verteidigen: „Das aktuelle Interesse galt der antiken Schlacht als einem Modell für den Kriegstod von Bürgern, die als Soldaten den Staat verteidigen, an dem sie politisch partizipieren. Die Freiheit des Staates wurde mit der durch Gesetze gesicherten politischen Freiheit gleichgesetzt.“[3] Weiter heißt es bei Anuschka Albertz, die sich in ihrer Dissertation der Bedeutung der Schlacht bei den Thermopylen und der Bedeutung des Spartiaten-Epigramms für die französische Gedenkkultur insbesondere nach der Französischen Revolution annahm: „Als absolutes Ideal wird der Tod für die zentralen Werte der Französischen Revolution sowie für Volk und Vaterland herausgestellt, der sowohl mit religiöser Metaphorik aufgeladen als auch mit dem historischen Exempel der Spartiaten verbunden wird.“[4]
Die unmittelbare Grenznähe des Lagers für die 1947 errichtete Gedenkstätte erwies sich dabei vor diesem Hintergrund als ideal. Sie stattete den Gedenkort mit einer Symbolkraft aus, die dem Spartiaten-Epigramm in seiner französischen Rezeption vollkommen entsprach.
Das Lager war am Stadtrand Saarbrückens und nur wenige Meter von der Grenze zu Frankreich errichtet worden. Davor entstand die Mahn- und Erinnerungsstätte für den von Grandval zitierten „Wanderer“ versehen mit der Pflicht, von diesem Ort und dessen Bedeutung in Frankreich zu berichten. Die Errichtung der Gedenkstätte vor dem ehemaligen Lager Neue Bremm als Durchgangslager für die Männer – und Frauen –, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Frankreich geleistet hatten, schloss an die dort bestehende Tradition des Gedenkens an. Eine Reihe von Mahn- und Denkmalen für die bei der Verteidigung des Staates und der Nation getöteten Bürger wurden an Stadttoren oder Stadteingängen errichtet. Sie wurden dabei explizit mit dem antiken Sparta in Verbindung gebracht. Sie „ergeben zusammen eine präzise, in idealtypische Architektur übersetzte Formulierung des politischen Totenkultes. Die Phalanx der widerstandsbereiten Bürger am Stadteingang hat ihre Entsprechung im Memorialbau für eine bei der Verteidigung der Stadt gefallene Gruppe von Bürgern.

Die Aufstellung der Gäste der Gedenkstunde war genau festgelegt und wurde in der Zeit der von Frankreich abgehaltenen Gedenkstunden auf der Gedenkstätte Neue Bremm der Jahre 1947 bis 1954 nicht verändert. So auch bei der Gedenkstunde am 11. November 1952, die sich nicht von den Gedenkstunden der Vorjahre unterscheidet. Eine strenge Choreographie bestimmte die Veranstaltung von Beginn bis zu ihrem Ende. Quelle: Saarländisches Landesarchiv, Nachlass Oettinger/Presse Photo Actuelle 243_31.
Das ‚Opfer‘ der bei der Verteidigung des politischen Gemeinwesens gefallenen Bürger ist das Unterpfand für das Überleben der gesamten politischen Handlungseinheit. Dieses verpflichtet sich im Gegenzug, (idealerweise) alle Kriegstoten in Erinnerung zu behalten, und findet darin einen Konsens jenseits von politischen und sozialen Unterschieden.“[5]
Boullée lässt grüßen…
Als ein Beispiel für einen Memorialbau zu Ehren von Widerstand leistenden und darüber ihr Leben lassenden Bürgern steht die Zeichnung eines „Tombeau des Spartiates“ (1782) in der Publikation „Essai“ von Etienne Louis Boullée. Diese stellt einen Entwurf eines Gebäudes dar, das als eine Art Stadttor seinen Platz hätte finden sollen. Jedoch wurde diese Zeichnung Boullées erst im Nachhinein mit der Schlacht bei den Thermopylen in Verbindung gebracht: Das „Verbindungsglied ist der Umstand, dass „eine Gruppe von Bürgern bei der Verteidigung ihres Landes starb und ihr von den Überlebenden gedacht wurde, …“[6]
Boullée erweist sich im Hinblick auf den Zeitpunkt, an dem die erste Gedenkstätte vor dem ehemaligen Lagergelände errichtet wurde, als eine wichtige Referenz. Diese geht dabei über die allgemeine Tradition des Memorialbaus hinaus.

Etienne-Louis Boullée: (1728_1799): Zeichnung „Tombeau des Spartiates“ (um 1782)
Quelle: Gallica.bnf.fr; Bibliotheque nationale de France.
Boullée war vielmehr ein Ahnherr für die französischen Architekten und Stadtplaner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Le Corbusier bezog sich in seinem Schaffen auf ihn, wie die Beschreibung dessen Baustils anschaulich bezeugt: „Boullées Idealentwürfe sind allgemein durch Monumentalität, Reduktion des Baukörpers auf stereometrische Grundformen und sparsamen Einsatz von Bauornamentik gekennzeichnet, und in seiner schlichten Form und materiellen Präsenz soll der Grabbau die Erinnerung innerweltlich bewahren.“[7] Wesentliche Anklänge an Boullées Baustil fanden sich in Gestalt des sogenannten „Brutalismus“ bei Le Corbusier und in der Architektur der Nachkriegsmoderne. Das galt vor allem, was die skulpturale Erscheinung der Gebäude, die Betonung der Funktionalität und die Vorliebe für geometrische Formen betraf. Dafür stand auch das für den Wiederaufbau des Saarlandes, insbesondere in Saarbrücken von Grandval beauftragte Team von Urbanisten. Dazu gehörte auch der für den Entwurf der Gedenkstätte von 1947 verantwortliche André Sive. Diese Gruppe von Architekten hatte einen klaren Auftrag von Grandval erhalten, was den Wiederaufbau Saarbrückens anging:
„Am 10. Juli 1945 kam Frankreich an die Saar zurück. (…) Frankreich hat an der Saar Pläne, die seiner Tradition entsprechen. Es will in diesem Land die Spuren des preußischen Geistes verwischen, die auch nach den Bombardierungen weiterbestehen; es will, dass der Genius der Städtebauer auf immer die Bande webt, die Saarland und Frankreich einen…Roux, Pingusson, Sive, Menkès, Lefèvre erklären Sie nun, was Sie geschaffen haben und was Sie in reinster Überlieferung französischen Schöpfergeistes zu verwirklichen gedenken.“[8]
Entpreußung des Saarlands und die Völkerpsychologie der Nachkriegsjahre
Hier ging es um „Entpreußung“, die französische Version der Entnazifizierung durch Kunst, Architektur und Bildung, „wie es viele renommierte französische Deutschlandexperten in einem Rückgriff auf völkerpsychologische Lehren taten und wie es noch in einer regierungsamtlichen Pariser Richtlinie vom Juli 1945 geheißen hatte…“[9] Dahinter verbarg sich der „Anspruch einer Veränderung dessen, was man für den deutschen Volkscharakter hielt…“[10] Diese Sicht auf Deutschland und die daraus abgeleiteten Erziehungsmaßnahmen gingen auf französische Germanisten, namentlich: Robert Minder, Pierre Bertaux, Albert Fuchs, Ernest Tonnelat, Edmond Vermeil maßgeblich zurück. Besonderes Augenmerk verdient bei der sogenannten „Entpreußung“ durch Bildung, Kunst und Architektur in den unmittelbaren Nachkriegsjahren Vermeils Völkerpsychologie. Sie basierte unter anderem auf der „Kontinuitätsthese eines ‚deutschen Sonderwegs’ gemäß der Hitler in direkter Kontinuität von Luther über Nietzsche und Bismarck“[11] stand. Dieses von einer stereotypen wie düsteren Völkerpsychologie bestimmte Deutschlandbild, das in der unmittelbaren Nachkriegszeit großen Einfluss auf die Bildungs-, Kultur- und Außenpolitik in Deutschland hatte, fand in der Anlage der ersten Gedenkstätte von 1947 ein getreues Abbild. Die Gedenkstätte war auf den Rothen Berg der Spicherer Höhe ausgerichtet. Dort hatte am 6. August 1870 die entscheidende Schlacht zwischen dem preußischen und französischen Heer stattgefunden. Diese Blickachse stellte zugleich eine Zeitachse dar, welche die Kontinuität von Preußen und dem Militarismus zu Hitler und dem Nationalsozialismus buchstäblich ins Bild setzte. Für den nicht vor Ort zu findenden Bezug zum dazwischenliegenden Ersten Weltkrieg wählte man als Datum der Einweihung den in Frankreich als Feiertag begangenen 11. November, den Tag des Waffenstillstands des Ersten Weltkriegs. Diese Anlage sollte einem buchstäblich den Raum beherrschendem Gedenken vorbehalten sein. Dabei wurde eine exakt festgelegte Choreographie vorgeschrieben, wie sie bei den jährlichen von Gilbert Grandval, ob als Militärgouverneur, Hoher Kommissar oder Botschafter bis 1954 abgehaltenen Gedenkstunden vollzogen wurde. Hier hatten alle daran Teilnehmenden ihren festen Platz: Die Gäste mussten sich links und rechts des trapezförmigen Platzes aufzustellen.

Gang der Vertreter einer französischen Veteranenorganisation zu der ihnen bei den Gedenkstunden zugewiesenen Seite am Rand des Gedenkplatzes bei der Gedenkstunde am 11. November 1952. Quelle: Saarländisches Landesarchiv, Nachlass Oettinger/Presse Photo Actuelle 198_24.
Das Militär stand in Reih und Glied und riegelte regelrecht den Straßenraum entlang der wie ein Bajonett in den Himmel ragenden Stele ab. Grandval schritt die Reihen ab und vollzog damit alljährlich eine Machtdemonstration, inklusive Straßensperrung.
Das Saarland wird Bundesland und die Folgen für den Wanderer
Nach 1955 wurde das Lagergelände, insbesondere seit Mitte der 1960er Jahre, maßgeblich verändert. Die bei Gedenkanlässen vorgeschriebenen Schrittfolgen individualisierten sich, wie sich auch das Gedenken an diesem Ort ausdifferenzierte. Die Gedenkstätte wurde durch den Bau des Autobahnzubringers sowie die Anlage eines Gewerbegebietes seit den späten 1960er Jahren beschnitten. Die von Sive entworfene Gedenkanlage und das ihr eingeschriebene Konzept des Gedenkens wurden auf den Kopf gestellt. Auch das ist buchstäblich zu verstehen. Der bewusst vor dem Lager errichtete Gedenkplatz, den alle Gäste umrahmen und nur einige wenige zur Kranzniederlegung betreten durften, wurde aufgrund des Straßenbaus zum Teil direkt auf das Lagergelände verlegt.
Das Saarland, nun jüngstes Bundesland der Bundesrepublik sah sich nicht mehr in der Pflicht, die im Andenken an den französischen Widerstand errichtete Gedenkstätte in der ursprünglichen Form zu erhalten. Die Verfügung Grandvals, dass das Lagergelände nicht mehr betreten werden sollte, galt daher nicht mehr. Das Gedenken an diesem Ort wurde der deutschen Erinnerungskultur dieser Jahre angepasst. Die 1949 eingezogene Blickachse von der Stele über die Gedenktafel in Höhe des Löschwasserbeckens des ehemaligen Lagers zur Spicherer Höhe wurde zerstört. Die Tafel, die an die im Lager internierten französischen Widerstandskämpfer erinnerte, wurde um die eigene Achse gedreht und auf die Stele auf der Metzer Straße ausgerichtet. Die Gedenkstätte schrumpfte auf diese Tafel in französischer Sprache zusammen. Das tat dem Gedenken an dieser Stelle keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Zahl der Gedenkanlässe stieg: Hier kam man am 8. Mai, am 20. Juli, am 9. November und seit 1997 auch am 27. Januar zusammen.
Die Rezeption des Spartiaten-Epigramm in Frankreich und Deutschland
Doch zurück zum „Wanderer“, der an diesem Ort dem französischen Widerstand und dessen Leid gedenken sollte. Dass es eine Verbindung zum Spartiaten-Epigramm und den darin beschriebenen Auftrag der Berichterstattung für den Wanderer gibt, erscheint plausibel. Der Ort, an dem es zur Wirkung kam, bot aufgrund seiner Lage an der Grenze zu Frankreich eine ideale Szene. Er fügte sich zudem in das stereotype Bild der Deutschen im Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit. Es folgte einem strikten Schwarz-Weiß und war in Bezug auf Deutschland dunkel gefärbt[12], wie Heinrich Küppers im Hinblick auf Raymond Schmittlein formulierte. Schmittlein war ein Germanist und Studienrat mit Wurzeln im Elsass, der von 1945 bis 1951 für die Bildung und die kulturellen Angelegenheiten in der damaligen Französischen Besatzungszone zuständig war. Dass Germanisten, ob sie nun wie Vermeil an der Sorbonne oder wie Schmittlein an einem Gymnasium gelehrt hatten, sich mit Schiller und dem Spartiaten-Epigramm auskannten, darf daher vorausgesetzt werden. Dass nun Entpreußung mit dem Spartiaten-Epigramm im Hintergrund erfolgen sollte, markiert abermals einen kulturellen Unterschied im Gedenken.
Zur Zeit der napoleonischen Kriege in Deutschland hingegen gab es zwei gegensätzliche Konzepte von militärischem Heldentum, die sich mit Leonidas und den Spartiaten verbanden. Dieser bestand in einem bürgerlichen Helden, der sich freiwillig für die Nation und die damit verknüpften liberal-demokratischen Ideen opferte. Das zweite diente der Anerkennung von Taten und dem damit verbundenen Tod von Militärangehörigen durch andere Militärs.[13] Die bekannte Übersetzung von Friedrich Schiller setzte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts in Deutschland durch. Damit entwickelte sich auch die Interpretation des Epigramms in beiden Ländern in unterschiedliche Richtungen.

Gang der Vertreter einer französischen Veteranenorganisation zu der ihnen bei den Gedenkstunden zugewiesenen Seite am Rand des Gedenkplatzes bei der Gedenkstunde am 11. November 1952. Quelle: Saarländisches Landesarchiv, Nachlass Oettinger/Presse Photo Actuelle 198_21.
Mit der von Schiller übersetzten Fügung „wie das Gesetz es befahl“ wurde das Epigramm von der „Idee des Staatsbürgertums“ gelöst und auf eine „militärische Pflichterfüllung“ ausgerichtet, lässt Anuschka Albertz wissen.[14] Hier deutet sich bereits die Verwendung des Epigramms im Nationalsozialismus an. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte es zum „Sinnstiftungsprogramm bürgerlich-konservativer und rechtsradikaler Kreise.“[15] Es geriet zur „Formel nationaler Pflichterfüllung“[16] und beschrieb einen „soldatischen Verhaltenskodex“[17]. Auch in Hitlers „Mein Kampf“ wird auf das Spartiaten-Epigramm verwiesen. Es wird zum Sinnbild für die von Albertz so bezeichneten „Opferhelden“[18] und zum „Modell für einen militärischen Untergang in aussichtsloser Lage, für einen ehrenvollen Kampf bis zum Tod und für eine vernichtende Niederlage.“[19]
Das Epigramm wurde im Zusammenhang mit der Belagerung von Stalingrad durch die Rede von Hermann Göring zum zehnten Jahrestag der sogenannten „Machtergreifung“ am 30 Januar 1943 vom damaligen Reichsmarschall und Oberbefehlshalber der Luftwaffe Hermann Göring im Ehrensaal des Reichsluftfahrministeriums zitiert. Angesichts der nur wenige Tage danach, am 3. Februar 1943 erfolgten Kapitulation der 6. Armee erwies sich die Zitation des Epigramms als zynische Vorwegnahme des vermeintlichen Opfertodes im von NS-Staat ausgerufenen Kampf gegen den Bolschewismus der im Kessel von Stalingrad eingeschlossenen und zum Zeitpunkt der Rede noch lebenden Soldaten. In diesem Zusammenhang erscheint auch das Epigramm bei Heinrich Böll in seiner Erzählung „Wanderer kommst du nach Spa…“ aus dem Jahr 1950. Darin wird ein im Sterben liegender Soldat und ehemaliger Gymnasiast in sein früheres Gymnasium gebracht. Er erkennt sein einstiges Klassenzimmer wieder, das nun ein Notlazarett ist. An der Tafel liest er kurz vor seinem Tod den Anfang des Spartiatenepigramms. Er selbst hatte es er vor noch nicht allzu langer Zeit an die Tafel geschrieben und mitten im Satz – „Spa…“ – abgebrochen hatte, um sich freiwillig an die Front zu melden. Auch nach 1945 tauchte in der Bundesrepublik das Epigramm nur noch im Zusammenhang mit „rein militärischer Pflichterfüllung“[20], meist in den publizierten Erinnerungen der NS-Militäreliten auf.
Der lange Abschied vom Wanderer…
Die Schlacht an den Thermopylen war in Frankreich mit Begriffen wie Freiheit, Vaterland, Gesetz und Bürgersoldaten verbunden. Das Epigramm konnte daher relativ frei verwendet werden, solange ein Bezug zur Nation bestand und damit die Revolution nicht grundsätzlich in Frage gestellt wurde.[21] Es gab auch in Frankreich einen Opfer- und Totenkult in Zusammenhang mit dem Spartiaten-Epigramm gab, wie das Wort vom „Wanderer“ bei der Einweihung der Gedenkstätte Neue Bremm am 11. November 1947 unterstreicht. Jedoch waren mit diesem Totengedenken nach 1945 „übergeordnete Handlungsziele“[22] verbunden. Diese waren die „Freiheit und die politische Partizipation und damit die Frage nach der Legitimität des Krieges, nach Angemessenheit und Schuld,“[23] fasst Anuschka Albertz zusammen. Die Gedenktafel ist dafür repräsentativ, denn dort wurde der Märtyrer gedacht, die sich für die Werte der Französischen Revolution – der Menschenwürde und der Freiheit –- opferten. So steht auf der Gedenktafel:
„Dans ce camp/sur des ordres venus d’outre-Rhin/furent trainés vers la mort les défenseurs de la dignité et de la liberté humaines, / victimes de la barbarie nazie./Monument érigé par le Comité du Camp de la Nouvelle Breme./inauguré le 11 novembre 1947“
Das Spartiaten-Epigramm erscheint lediglich wie eine denkwürdige Randbemerkung. Doch es bezeugt durch ein kleines, wie absichtslos gesetztes Schlüsselwort einen fundamentalen kulturellen Unterschied zwischen der deutschen und französischen Gedenkkultur. Beide prallten auf der Gedenkstätte Neue Bremm von Beginn an regelrecht aufeinander. Nachdem das Saarland 1957 zum Bundesland der Bundesrepublik Deutschland geworden war, überwältigte die deutsche Gedenkkultur über die Jahrzehnte hindurch die an dieser Stelle 1947 etablierte genuine französische Gedenkkultur.

Fahnengruß und Treffen der Militärvertreter mit dem Botschafter Gilbert Grandval auf dem Gedenkplatz, um danach gemeinsam zum Pult mit der Gedenktafel zu gehen bei der Gedenkstunde am 11. November 1952. Quelle: Saarländisches Landesarchiv, Nachlass Oettinger/Presse Photo Actuelle 198_8.
Daran zeigen sich die grundlegenden Missverständnisse zwischen Deutschland und Frankreich. Hier standen sich zwei (Gedenk)Kulturen gegenüber, die sich umso ferner waren, selbst wenn sie sich auf scheinbar ein und dasselbe geschichtliche Ereignis bezogen.
Epilog: Die Rückkehr des Wanderers…
Bei Cicero heißt es in den „Gesprächen in Tusculum“, 101, 1 zu dem Wanderer am Grab der Gefallenen aus Sparta: „Dic hospes Spartae nos te hic vidisse iacentes, dum sanctis patriae legibus obsequimur.“ Auf Deutsch: „Sag, Fremdling, zu Sparta, du habest uns hier liegen sehen, wie wir die heiligen Gesetze des Vaterlands befolgten.“ Wie in der griechischen Vorlage erscheint hier der Wanderer als „Hospes“, als „Fremder“. Zugleich steckt darin auch die Bedeutung „Gast“ oder „Besucher“, wohingegen das etymologisch verwandte „hostis“ „Feind“ bedeutet.[24] Dieses Changieren zwischen Gleichklang der Worte und deren gegensätzlicher Bedeutung wurde bei der Neugestaltung der Gedenkstätte im Jahr 2004 aufgegriffen. Der siegreiche Entwurf der Architekten Nils Ballhausen, Roland Poppensieker und Johannes Schulze-Icking unter dem Titel „Hotel der Erinnerung“ fasste die wechselvolle Bedeutung des Ortes in der Formel „Einst Lager, heute Hotel“. Darauf bezieht sich das Schriftband an der Vorderseite der Gedenkstätte. Auf der Mauer erscheint dem Vorbeifahrenden und Passanten als der zeitgenössischen Form des Wanderers die Wortfolge „HOSTAL (HOSTILE) HOTEL (HOSTAGE) GOSTIN (OSTILE) HOSTEL (HOSTIL) HOST“.
Diese Begriffe gehen aus dem indoeuropäischen Wort „ghosti“ und das lateinische „hosti“ zurückgehen. Auf dem Schriftband wechseln die negative und positive Bedeutung der aufgeführten Begriffe. Das Englische „Hostile“ bedeutet „feindlich“. Aus dem Englischen stammen auch die Begriffe „Hostel“ bzw. Herberge, „Hotel“ und „Host“ beziehungsweise „Gast“ sowie „Hostage“ bzw. Geisel. Auch sie gehen aus derselben Wurzel hervor. Auch das italienische Wort für „feindlich“ „Ostile“ geht auf das lateinische „hosti“ und auf das indoeuropäische „ghosti“ zurück.

Ansicht der Vorderseite der 2004 neugestalteten Gedenkstätte Gestapo-Lager Neue Bremm. Die Neugestaltung der Gedenkstätte verweist auf den wechselvollen Charakter des Ortes – heute Hotel, gestern Lager – als Durchgangsstation mit höchst unterschiedlichen Vorzeichen. Dabei wird nicht nur an das Lager, sondern auch an die Geschichte der Gedenkstätte nach 1945 erinnert. Das Schriftband an der Straßenseite der Gedenkstätte nennt Begriffe, die auf die indoeuropäische Wurzel „ghosti“ und das lateinische „hosti“ zurückgehen. Dabei wechseln auf dem Schriftband die negative und positive Bedeutung der aufgeführten Begriffe. Das Englische „Hostile“ bedeutet „feindlich“. Aus dem Englischen stammen auch die Begriffe „Hostel“ bzw Herberge, „Hotel“ und „Host“ beziehungsweise „Gast“ sowie „Hostage“ bzw. Geisel. Auch sie gehen aus dieser Wurzel hervor. Auch das italienische Wort für „feindlich“ „Ostile“ geht auf das lateinische „hosti“ geht auf das indoeuropäische „ghosti“ zurück.
Dazu gesellt sich der Fremde, der „Hospes“ bei Cicero, womit [25]nicht Schillers positiver „Wanderer“, sondern der antike „Fremde“ in seiner ambivalenten Bedeutung an den Ort zurückkehrt, an den ihn dereinst der französische Militärgouverneur und spätere französische Botschafter an der Saar, Gilbert Grandval befahl.
Der Text erschien zuerst in den „SaarGeschichten“, Heft 1, 2026.
Literatur
- Albertz, Anuschka: Exemplarisches Heldentum. Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermophylen von der Antike bis zur Gegenwart, München 2006.
- Dimmig, Oranna: „Das Denkmal zur Erinnerung an das Konzentrationslager Neue Bremm in Saarbrücken“ von André Sive, in: Institut für aktuelle Kunst im Saarland (Hg.): Mitteilungen 2001, Saarbrücken 2001, S. 15/22.
- Höhns, Ulrich: Saarbrücken: Verzögerte Moderne in einer kleinen Großstadt, in: Beyme, Klaus von/Durth, Werner u.a. (Hg.): Neue Städte aus Ruinen. Deutscher Städtebau der Nachkriegszeit, München 1992, S. 283-289.
- Hudemann, Rainer: Kulturpolitik und Deutschland. Frühe Direktiven für die französische Besatzung in Deutschland, in: Knipping, Franz/Le Rider, Jacques (Hg.): Frankreichs Kulturpolitik in Deutschland 1945-1950, Tübingen 1987, S. 15-30.
- Küppers, Heinrich: Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz und im Saarland nach 1945 im Vergleich, in: Knipping, Franz/Le Rider, Jacques (Hg.): Frankreichs Kulturpolitik in Deutschland, 1945-1950, Tübingen 1987, S. 161-177.
- Strickmann, Martin: Französische Intellektuelle als deutsch-französische Mittlerfiguren 1944-1950, in: Oster, Patricia/Lüsebrink, Hans-Jürgen (Hg.): Am Wendepunkt. Deutschland und Frankreich um 1945. Zur Dynamik eines transnationalen kulturellen Feldes, Saarbrücken 2007, S. 17-47.
- Wolfrum, Edgar: Das Bild der „düsteren“ Franzosenzeit, in: Martens, Stefan (Hg.): Vom Erbfeind zum Erneuerer. Aspekte und Motive der französischen Deutschlandpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, Sigmaringen 1993, S. 87-113.
Fußnoten
1 Neue Saarbrücker Zeitung, 13.11.1947
[2] Albertz: Exemplarisches Heldentum. S. 352ff.
[3] Ebd.
[4] Ebd., S. 173.
[5] Ebd., S. 169.
[6] Ebd.
[7] Ebd.
[8] Gilbert Grandval zitiert in Dimmig: „Das Denkmal zur Erinnerung an das Konzentrationslager Neue Bremm in Saarbrücken“ von André Sive. S. 268.
[9] Edgar Wolfrum: Das Bild der „düsteren“ Franzosenzeit. S. 96.
[10] Rainer Hudemann: Kulturpolitik und Deutschland. S. 20.
[11] Martin Strickmann: Französische Intellektuelle als deutsch-französische Mittlerfiguren 1944-1950. S. 27.
[12] Heinrich Küppers: Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz und im Saarland nach 1945 im Vergleich.
S.163/164.
[13] Ebd.
[14] Ebd., S. 357
[15] Ebd., S. 303
[16] Ebd., S. 306
[17] Ebd., S. 307/308
[18] Ebd., S.315
[19] Ebd.
[20] Ebd., S. 361.
[21] Ebd. S. 354.
[22] Ebd., S. 359.
[23] Ebd.
[24] Dank an Alexander Hilpert für den Hinweis auf Cicero und den Begriff des „Hospes“.