Die Spezialeinheit „Special Operations Executive“, kurz SOE wurde im Juli 1940, bald nach der Besetzung Frankreichs, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden durch NS-Deutschland vom damaligen britischen Premierminister Winston Churchill gegründet. Dieser Geheimorganisation gehörten 13.000 Personen, darunter waren 3.200 Frauen an. SOE-Agent:innen wurden in ganz Europa, vor allem aber im Frankreich eingesetzt. Dazu mussten die Mitglieder der sogenannten „F-Sektion“ sowohl fließend Englisch wie auch fließend Französisch sprechen konnten. Ihr Einsatzort: hinter den feindlichen Linien. Ihre Aufgabe: Spionage und Sabotage, um die Résistance in Frankreich zu unterstützen. Der F-Sektion gehörten rund Frauen an. Ihr Auftrag, erteilt von Winston Churchill: Europa in Brand zu stecken! 

Widerstand leisten zwischen England und Frankreich

Vier SOE-Agentinnen, die damals der Sektion „F“ angehörten, waren, für einige Tage im Gestapo-Lager Neue Bremm in Saarbrücken. Denise Bloch, Lilian Rolfe und Violette Szabo wurden zusammen mit 37 Männer, darunter weitere für die SOE-Einheit tätige Franzosen und Englänger am 9. August 1944 nach Saarbrücken gebracht. Dort trafen sie auf Yvonne Jeanne Thérèse Baseden-de Vibraye, die dort schon einige Zeit zugebracht hatte. Das exakte Datum deren Eintreffens im Lager ist ungewiss. Bekannt ist nur, wann die damals 22-jährige Saarbrücken verließ, um am 4. September 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück als Zugang registriert zu werden. Auch in ihrem Fall liefert das Livre Mémorial die notwendigen Daten. Sie gehörte zu den letzten weiblichen Häftlingen aus Frankreich, die nach der Befreiung von Paris am 25. August 1944 noch in ein Konzentrationslager in Deutschland eingewiesen wurden.

Dabei hatte sie Anteil an dem Siegeszug der alliierten Truppen, seit sie am 18. März 1944 im Südwesten Frankreichs mit dem Fallschirm abgesprungen war. Dass sie zur SOE stieß, hat auch in ihrem Fall mit ihrer englisch-französischen Familiengeschichte zu tun. Ihr Vater war ein englischer Jagflieger im Ersten Weltkrieg. Er wurde über Frankreich abgeschossen und fand Unterkunft auf dem Anwesen des Conte de Vibraye. Dabei lernte er dessen Tochter kennen. Die beiden heirateten und 1922 kam Tochter Yvonne zur Welt. Die Familie reiste durch Europa und ließ sich 1937 in London nieder. Die 17-jährige lebte 1939 in Southampton und arbeitete für ein Schifffahrtsunternehmen. Aufgrund ihrer Zweisprachigkeit half sie bei der Evakuierung mit Schiffen der in Frankreich nach dem Westfeldzug ausharrenden Briten. Nach der Rede von General de Gaulle Rede in der BBC im Juni 1940 meldete sie sich als Freiwillige zur Women’s Auxiliary Air Force (WAAF). Dort wurde sie als Fremdsprachensekretärin bei Verhören eingesetzt. Dabei kam sie mit Pearl Withington, die für den SOE tätig war, in Kontakt. Sie absolvierte Grundausbildung wurde in Kampftechniken eingewiesen, lernte Fallschirmspringen, und wie man unter dem Radar, aus 200 Meter Höhe in einer Vollmondnacht landet. Auch sie bekam eine neue Identität und trug den Namen „Odette“. Auch sie musste lernen, selbst im Schlaf noch die neue Identität zu behaupten und auch unter Alkoholeinfluss nichts zu verraten. Sie absolvierte Nachtmärsche mit schwerem Gepäck und im Laufschritt, lernte mit Sprengmaterial umzugehen und wurde in bestimmten Techniken des Ertragens von Druck und Schmerzen unterrichtet, um bei Verhören und unter Folter mindestens 48 Stunden nichts preiszugeben, damit die Kamerad:innen sich in Sicherheit bringen können. Derart vorbereitet, sprang sie am 18. März 1944 im Südwesten Frankreichs ab und bildete mit einem Mitglied der Résistance ein Duo, das sich weiter in Richtung Jura-Gebirge, nahe der Grenze zur Schweiz durchschlug, um an den Vorbereitungen des D-Days mitzuarbeiten, der am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie stattfand. Als Funkerin musste sie für Sicherstellung des Nachschubs aus der Luft sorgen, indem sie nach sicheren Landeplätzen für das abgeworfene Material, sprich Waffen und Munition suchte. Am 25. Juni 1944 begann die „Operation Zebra“. Damit war der Abwurf von 400 Behältern mit Material für die Résistance verbunden. Es gelang, und die Gruppe feierte ihren Erfolg. Doch fielen die an ein Haus gelehnten Fahrräder auf und die scheinbare sichere Unterkunft wurde von den Deutschen beschossen. Dabei starb ihr französischer Partner. Beide hatten sich auf dem Speicher des Hauses versteckt. Das Blut des tödlich verwundeten Widerstandskämpfers tropfte durch die Decke. Dadurch wurde sie entdeckt, verhaftet und nach Dijon gebracht. Sie gab bei den Verhören an, eine französische Sekretärin zu sein. Sie wurde als politische Gefangene nach Deutschland verschleppt.

Ansicht des Lagers Neue Bremm von der gegenüberliegenden Straßenseite um 1940

Ansicht des späteren von der Gestapo genutzten Lagers um 1940.

Als sogenannte „Nacht- und Nebel-Gefangene“ war sie bald nach dem Eintreffen der drei SOE-Agentinnen Bloch, Rolfe und Szabo am 9. August 1944 mit dem 45. Transport aus Paris im Lager Neue Bremm mit ihnen zusammengetroffen. Zu welchem Zeitpunkt Yvonne Baseden-de Vibraye im Lager Neue Bremm eintraf, lässt sich nicht punktgenau ermitteln. Darüber gibt es wenig Gewissheiten. Auch das Livre Mémorial gibt darüber keine Auskunft.

Eine Erkenntnis in Saarbrücken: „Oh mein Gott, die ganze Bakerstreet ist hier!“

Bevor Yvonne Baseden-de Vibraye am 2. September 1944 mit 40 weiteren Frauen einen Zug aus Belfort bestieg, um am 4. September mit 187 Französinnen im Konzentrationslager Ravensbrück anzukommen, hatte sie eine Begegnung mit drei Frauen, die wie sie für die SOE tätig waren. Sie sahen sich nach dem 9. August in einer stickigen Baracke im Frauenlager des Gestapo-Lagers Neue Bremm. Nach ihrer von Sarah Helm dokumentierten Darstellung (Helm 2005, S. 99f.) waren Denise Bloch, Lilian Rolfe und Violette Szabo bereits im Lager Neue Bremm, als Yvonne Baseden-de Vibraye eintraf. Sie gibt an, in einem Transport aus Dijon nach Saarbrücken gekommen zu sein. Der Ort erschien ihr als ein Durchgangslager für Gefangene, die in Richtung Osten verbracht werden sollten. Daher waren viele Baracken auf dem Gelände. Sie wurde in eine davon gebracht. Diese war recht dunkel und voller Frauen, schilderte sie den Zustand des Ortes.

Auszug aus der Bauakte, in der die Errichtung des Frauenlagers des Lagers Neue Bremm, „Sonderbarackenlager“ genannt, am 12. November 1943 beantragt wird. Quelle: Stadtarchiv Saarbrücken/Landeshauptstadt Saarbrücken

Das bestätigt weitere Aussagen zu den Vorgängen im Frauenlager. Anders als bei den im Lager inhaftierten Männer mussten die Frauen keine körperliche Gewalt ertragen. Während die Männer von dem Wachpersonal um das Löschwasserbecken des Männerlagers getrieben wurden, mussten die Frauen in der mit bis zu 120 Personen (Thalhofer 2019, S. 94-95) überfüllten Baracken bei geschlossenen Läden stillsitzen. Dabei herrschte Redeverbot. Es gab auch im Hochsommer keine Getränke und keine frische Luft, auch dann, was häufig vorkam (Thalhofer 2019, S. 95), eine Frau ohnmächtig wurde. Davon erzählte Yvonne Baseden-de Vibraye schließlich Vera Atkins, die sich nach dem Ende des Kriegs aufmachte, um nach dem Verbleib ihrer Agentinnen zu forschen. Im Mai 1945 trafen sich beide am Bahnhof Euston in London, bald nach dem Yvonne Baseden-de Vibraye aus Schweden nach England zurückgekehrt war. Sie war in Ravensbrück an Tuberkulose erkrankt und hatte mit Hilfe der dort tätigen Mary Lindell, ebenfalls für den Geheimdienst tätig, überlebt. Sie konnte sie sich erholten und kam mit einem der Weißen Busse des schwedischen Roten Kreuzes im April 1945 nach Malmö. Von dort war sie zuerst nach Schottland gekommen und mit dem Zug nach London zur Euston-Station gereist.
Als Yvonne Baseden-de Vibraye sich in der düsteren Baracke in Saarbrücken umsah, erkannte sie Bloch, Rolfe und Szabo. Sie war also nach den Dreien angekommen. Nur verzeichnet der 46. Transport, der am 17. August 1944 eintraf nicht ihren Namen. Während die drei Frauen am 20. August bereits das Lager verließen, blieb Yvonne Baseden-de Vibraye noch bis zum 2. September und stieg dann mit 41 anderen Frauen in Saarbrücken einen Zug aus Belfort und erreichte am 4. September 1944 das Konzentrationslager Ravensbrück. Dass sie offenkundig nach dem 9. August eingetroffen sein müsste, steht daher mutmaßlich fest. Eventuell kam sie aus Richtung Metz mit Frauen aus Lothringen, aber das ist Spekulation.
Als sie die drei Frauen sah und sie als SOE-Agentinnen identifizierte, sagte sie zu sich „Oh my God, the whole Baker Street is here“ (Helm 2005, S. 99).

Die Neugestaltung der Gedenkstätte „Neue Bremm“ als „Hotel der Erinnerung“ im Jahr 2004 setzte auch an der Fassade des auf dem Gelände des ehemaligen Frauenlagers 1975 errichteten Hotels ein Erinnerungszeichen mit einem Rundbild. Es zeigt Yvonne Berman aus Pau. Sie betrieb mit ihrem Ehemann ein Spionagenetzwerk. Foto: LpB Saarland

Damit war das Hauptquartier der SOE in London gemeint, das in der Baker Street untergebracht war. Vera Atkins wollte von ihr etwas über den Zustand der drei Frauen erfahren. Jedoch waren die drei Frauen sehr vorsichtig und zurückhaltend ihr gegenüber, so Yvonne Baseden-de Vibraye und begründete diese Vorsicht damit, dass sie mit einem anderen Transport angekommen sei und sie nichts von den Umständen ihrer Verhaftung wussten. Sie sei, so Baseden-de Vibraye aus Dijon gekommen, die anderen drei aus Paris. Zumindest das steht fest, wobei offenbleibt, ob sie aus Richtung Lothringen nach Saarbrücken kam. Denn Yvonne Baseden-de Vibraye sprach, so ihre Erinnerung, mit den drei Frauen kein Englisch. Denn sie wollte ihr Inkognito aufrechterhalten und weiter den Eindruck erwecken, dass sie eine Französin sei, die in der Résistance war. Sie wollte unbedingt verhindern, betonte sie, dass man sie als Britin identifizierte. Das habe ihr das Leben gerettet. Denn die drei anderen SOE-Frauen wurden anders behandelt. Auch waren sie, erinnerte sich Yvonne Baseden-de Vibraye (Helm 2005, S. 100) mit Ketten an den Füßen miteinander verbunden. Davon ist auch in der Schilderung der Agentinnentätigkeit von Denise Bloch durch Martin Sugarman vom Jüdischen Militärmuseum London die Rede (Sugarman 2012, S. 6) die Rede. Die drei Frauen waren seit dem Transport von Fresnes nach Saarbrücken mit Ketten an den Füßen aneinandergefesselt.
Die drei verließen Saarbrücken am 20. August 1944. Baseden-de Vibraye wurde erst zwei Wochen später weitertransportiert. Das war ihre Rettung, dass sie nicht mit den Dreien weitertransportiert wurde und daher auch die Gefahr gebannt war, als weitere SOE-Agentin erkannt zu werden stellte sie fest. (Helm 2005, S. 100) In Ravensbrück habe sie die drei nicht mehr getroffen, da diese, wie sie erfuhr, in ein Außenlager von Ravensbrück kamen. Was mit ihnen dort geschehen war, davon habe sie nichts in Erfahrung bringen können. Sie konnte jedoch Vera Atkins etwas über den Zustand der drei Frauen mitteilen, wie er sich in der Baracke im Frauenlager in Saarbrücken zeigte. Während Violette Szabo zufrieden und entspannt auf sie wirkte, schienen ihr hingegen Bloch und Rolfe vergleichsweise bedrückt. Violette Szabo hatte sogar ihr Oberteil waschen können, denn dieses sah sauber aus. Das ist eine wichtige Mitteilung, denn die hygienischen Umstände im Frauenlager waren schlecht. Dass die Frauen sich nicht waschen und ihre Kleidung in Ordnung halten konnten, empfanden viele der Frauen als Belastung (Thalhofer 2019, S. 95). Sie habe ihren Lebensmut dabei nicht verloren, beschrieb Yvonne Baseden-de Vibraye ihren Eindruck und fügte hinzu, dass es auch sein konnte, dass sie sich bereits an die Haftumstände besser als die anderen beiden gewöhnt habe. (Helm 2005, S. 100) Nachdem sie in Ravensbrück angekommen war, empfand sie angesichts der dorthin verschleppten SOE-Frauen, dass die SOE zerschlagen war. Sie überlebte das Konzentrationslager. Nach ihrer Befreiung im April 1945 arbeitete sie noch bis 1948 für die WAAF, indem sie Luftbilder auswertete. Sie wurde zum „Member of the Order of the Britisch Empire“(MBE) ernannt, erhielt das Croix de Guerre und wurde Ritterin der Ehrenlegion. 1949 heiratete sie zum ersten Mal. Sie trug den Nachnamen „Burney“ und lebte im heutigen Namibia, damals noch Rhodesien. Der Ehemann arbeitete für die Kolonialverwaltung. Aus dieser Ehe ging ein Sohn hervor. Nach dem Tod ihres Mannes heiratete sie 1966 ein zweites Mal und lebte mit ihrer Familie in Portugal. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes kehrte sie 1999 nach London zurück. Sie verstarb dort im Jahr 2017.

Paris-Saarbrücken-Torgau-Königsberg-Ravensbrück: Drei Frauen auf dem Weg in den Tod

Der 45. Transport nach Saarbrücken in das Gestapo-Lager Neue Bremm, der am 8. August 1944 von Fresnes bei Paris vom Gare de l‘Est startete, nahm zwar die bisher übliche Route, jedoch wurde die Fahrt mehrfach wegen Angriffen aus der Luft von den Alliierten unterbrochen. Der Zug mit den 37 Männern, darunter einige SOE-Agenten und drei Frauen im Dienst der SOE, stoppte in Verdun.

Ansicht Gefängnis Fresnes, 2011. Foto: Lionel Allorge – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14979286

Dort wurden die Gefangenen in eine Scheune gebracht, in der sie übernachten mussten. (Livre Mémorial, Band 4, 1996, S. 51) Davon berichtet, der in diesem Transport in Handschellen gefesselt sitzende Stéphane Hessel (Hessel 1998, S. 102) in seinen Erinnerungen „Tanz mit dem Jahrhundert“. „Vielleicht würden die vorrückenden Alliierten uns ja einholen, uns befreien“ (Hessel 1998, S. 102), so seine Hoffnung. Unklar bleibt, ob der Transport mit dem Zug fortgesetzt wurde am nächsten Tag, oder ob die Gefangenen mit Lastkraftwagen nach Saarbrücken gebracht wurden, wie es Bernard Guillot schildert (Helm 2006, S. 89f.) In seiner Darstellung fuhr der Zug am 7. August 1944 in Paris ab und musste wegen der Luftangriffe mehrmals anhalten und sogar umkehren. An einer kleinen Bahnstation mussten die Männer und Frauen in Lastwagen umsteigen und wären auf der Straße in Richtung Chalons-sur-Marne weitergefahren. In Verdun erfolgte die Übernachtung und am nächsten Morgen ging es in Richtung Metz weiter. Dort habe er die drei Frauen noch einmal gesehen. Danach nicht mehr. Dass Bloch, Rolfe und Szabo im Gestapo-Lager im Lager Neue Bremm waren, bezeugte Yvonne Baseden-de Vibraye mit ihrem „Hier ist die ganze Bakerstreet“-Gedanken. Das Trio war von Paris nach Saarbrücken und von dort in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt worden. Die Wege in das Gefängnis in Fresnes waren jedoch unterschiedlich.
Denise Madeleine Bloch, Codename „Ambroise“ oder „Crinoline“ wurde 1915 in Paris geboren. Durch ihre Arbeit als Sekretärin bei Leutnant Jean Maxime Aron, Mitarbeiter bei der Automobilfirma Citroen in Lyon kam sie über ihren Vorgesetzten in Kontakt mit der Résistance. Sie wurde 1942 rekrutiert und arbeitete für den „Detective“-Zirkel. Ein solcher Zirkel bestand aus drei Personen: dem Organisator, dem Funker und dem Kurier. Captain Brian Wary Stonehouse (mehr über ihn und die Männer aus dem 45. Transport vom 8. August 1944 im Blogeintrag der kommenden Woche) war der Funker des Zirkels „Detective“. Denise Bloch war der Kurier im Einsatz in Lyon und dann in Marseille. Nachdem Stonehouse im Oktober 1942 verhaftet worden war, kam sie nach Lyon zurück. Dort entging sie mehrfach Verhaftungen, wobei es ihr immer wieder gelang, sich zu verstecken. Bei ihren Einsätzen in der nach dem 11. November 1942 besetzten ehemals freien Südzone machte sie in Toulouse und Agen wichtige Beobachtungen. Derart, dass sie empfahl, im konspirativen Einsatz vor Ort eher ältere als jüngere Männer einzusetzen, da jüngere von der Straße weg verhaftet wurden und dann zum Arbeitsdienst nach Deutschland geschickt wurden. Denise Bloch kehrte im Mai 1943 nach einer 22 Tage beanspruchenden Rückreise aus Frankreich über Spanien und Gibraltar nach London zurück. Dort absolvierte sie weitere Trainingseinheiten, etwa im Fallschirmspringen, bevor sie im März 1944 erneut in Frankreich landete. Sie arbeitete wieder als Kurierin, war aber auch für die Sabotage von Telefonleitungen und Brücken in Vorbereitung des D-Days am 6. Juni 1944 im Einsatz. Sie wurde am 19. Juni 1944 westlich von Paris verhaftet. Vera Atkins vermutete dahinter Verrat.

Um Haaresbreite – Verhaftet nur wenige Wochen vor der Befreiung Frankreichs

Rund sechs Wochen, nachdem Denise Bloch verhaftet worden war, war auch Vivian Rolfe am 31. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet worden. Sie wurde 1914 als Tochter eines britischen Vaters geboren. Sie und ihre Zwillingsschwester Helen lebten mit ihrer Familie lange in Paris und in London. 1930 übersiedelte die Familie nach Brasilien. 1939 arbeitete Lilian Rolfe im Britischen Konsulat in Rio und ging dann nach London.1943 kam sie zur SOE und erhielt den Tarnnamen „Nadine“ und wurde als Funkerin im Zirkel „Historian“ eingesetzt. Am 6. April 1944 landete sie unter dem Tarnnamen Claude Irène Rodier in der Nähe von Chartres. Nach drei Monaten wurde sie verhaftet. Die dritte SOE-Frau, war die jüngste unter den Dreien. Violette Bushell wurde am 26. Juni 1921 in der Nähe von Paris geboren. Anfang der Dreißigerjahre zog die Familie nach London. Violette Szabo war sportlich und früh selbständig. So begann sie schon mit 14 Jahren zu arbeiten. 1940 heiratete sie Étienne Szabo, einen französischen Offizier ungarischer Abstammung, der 1940 nach London evakuiert worden war. Dort war er dem Aufruf de Gaulles gefolgt und sich der Armee des „Freien Frankreichs“ angeschlossen. Das Paar heiratete fünf Wochen nach ihrem Kennenlernen. Dann musste er mit der Armee nach Nordafrika. Er fiel in der Schlacht bei El Alamein bevor die gemeinsame Tochter Tanja am 8. Juni 1942 geboren wurde. Die junge Witwe schloss sich im September 1942 dem dem ATS (Auxiliary Territorial Service) an. Dort lernte sie unter anderem, das Steuergerät eines Flak-Geschützes zu bedienen

Die Stele zu Violette Szabo in der Ausstellung „Widerstand-Verfolgung-Deportation. Frauen aus Frankreich im KZ Ravensbrück 1942-1945.“ Foto: LpB Saarland

. Von dort kam sie zur SOE. Sie wurde im Fallschirmspringen geschult, denn die Männer und Frauen im Dienst der SOE gelangten jeweils durch einen Sprung hinter die feindlichen Linien zu ihrem Einsatzort. Sie sollte dem britischen Agentenring „Salesman“ zuarbeiten, der um Rouen und Le Havre im Einsatz war. Jedoch war der Agentenring bereits durch Verhaftungen durch die Gestapo fast zerschlagen. Violette Szabo musste die noch vorhandenen Mitglieder kontaktieren. Angesichts der damit verbundenen Gefahr, jederzeit selbst aufgespürt und verhaftet zu werden, war es eine gefährliche Mission. Bald erkannte sie, dass der Ring „Salesman“ zerbrochen war. Sie kehrte am 30. April 1944 nach London zurück. Am 8. Juni 1944 kehrte sie nach Frankreich zurück, um in der Nähe von Limoges einen neuen Agentenring aufzubauen. Zwei Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie machte sie sich in ihrer Tarnung als Witwe eines Antiquitätenhändlers an ihre neue Aufgabe. Am 8. Juni 1944 erfolgte mit einem Partner der nächste Einsatz in der Nähe von Limoges. Sie sollten einen neuen Agentenring im Département Haute-Vienne aufbauen. In einem Auto geriet sie mit anderen Mitgliedern des Maquis bei Salon-la-Tour in eine Straßensperre der SS-Panzerdivision „Das Reich“. Ob es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kam, bei der Violette Szabo das Feuer eröffnete, ist ungewiss und soll dazu gedient haben, ihr eine hohe militärische Auszeichnung zuzusprechen. Auch wenn es anders gewesen sein sollte (Helm 2005, S. 63), steht eines fest: Violette Szabo war eine sehr mutige Frau, die ihr Leben für die Freiheit anderer riskiert hat. Sie ermutigte, ungeachtet der körperlichen Gewalt, die sie bei den Verhören nach ihrer Verhaftung in Paris im Hauptquartier der Gestapo in der Avenue Foch ertragen musste, ihre Mitgefangenen und half, wo sie konnte. So soll sie auf dem Transport mit den Lastkraftwagen nach Saarbrücken am 8./9. August 1944 zu den inhaftierten Männern gekrochen sein, um sie mit Essen und Wasser zu versorgen. Sie wurde mit den SOE-Agentinnen Lilian Rolfe und Denise Bloch wurden am 22. August 1944 zuerst im Außenlager des Konzentrationslager Ravensbrück in Torgau an.

„Die Müttergruppe“ von Fritz Cremer vor dem Eingang an der Lagerstraße zur Gedenkstätte Konzentrationslager Ravensbrück. Foto: LpB Saarland

Im Winter waren die drei Frauen zuerst im Hauptlager und dann in einem weiteren Außenlager in Königsberg. Im Januar 1945 gelangten sie wieder in das Hauptlager in Ravensbrück. Dort wurden die drei SOE-Frauen zwischen dem 18. Januar 1945 und dem 2. Februar 1945 erschossen. Die drei Frauen erhielten posthum hohe militärische Auszeichnung in Frankreich und Großbritannien. 1991 wurde in Valencay für die Agentinnen und Agenten der Sektion „F“ ein Denkmal errichtet.

Ein literarisches Dokument: „Absprung über Feindesland von Monika Siedentopf

Die Historikerin Monika Siedentopf porträtierte 2007 in ihrem Buch „Absprung über Feindesland“ 39 Frauen im Dienst der SOE. 13 Frauen aus diesem Kreis wurden in Konzentrationslager ermordet.Dass Monika Siedentopf sich mit diesen Biographien, die mit ausführlichen Archivrecherchen fundiert wurden und in ein gut lesbares Buch eingingen, verdankt sich Vera Atkins, die bei der SOE den Agenten, besonders den Frauen vor dem Beginn ihrer Mission, „dem Absprung über Feindesland“ beistand und ihnen zugetan war. Sarah Helm erzählt in ihrem Buch über Vera Atkins „A life in secrets. The Story of Vera Atkins and the lost agents of SOE“ aus dem Jahr 2005, wie intensiv Vera Atkins nach 1945 über den Verbleib der Frauen forschte und vor Ort in die Lager reiste, um Informationen zu sammeln. Sie setzte sich dafür ein, dass diesen Frauen zugesprochen wurde, dass sie „“im Kampf gefallen“, also „Missing in action“ oder ein „Agent in the field“ waren und nicht allein „PoW“, also „Prisoner of War“. Denn das hätte den Mut und die Tapferkeit jeder einzelnen dieser Frauen, von denen einige auf ihrem Weg in das Konzentrationslager Ravensbrück einige Tage im Gestapo-Lager Neue Bremm waren, nicht gebührend ausgezeichnet.

Dieser Beitrag wurde zum Teil mit Material des ehemaligen Mitarbeiters der Initiative Neue Bremm in den Jahren 2012 bis 2014, dem Diplomsoziologen Dieter Raab erstellt.

Literatur

  • Thomas Fontaine, Guillaume Quesnée: Livre Mémorial. Caen 1996/2004.
  • Michael Foot: SOE. An Outline History of the Special Operations Executive, 1940–1946. British Broadcasting Corporation, London 1984.
  • Sarah Helm: A Life in Secrets. Vera Atkins and the lost Agents of SOE. London 2005.
  • Stéphane Hessel: Tanz mit dem Jahrhundert. Erinnerungen. Zürich/Hamburg 1998.
  • Arne Molfenter u. Rüdiger Strempel: Der Finsternis entgegen. Köln 2016.
  • Elisabeth Sandmann: Wir dachten das Leben kommt noch. Roman. München 2025.
  • Monika Siedentopf: Absprung über Feindesland. München 2014.
  • Martin Sugarman: Daugthers of Yael. Two jewish Heroines of the SOE http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/ww2/sugar2.htmlhttp://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/ww2/sugar2.html
  • Elisabeth Thalhofer: Neue Bremm. Geschichte des Saarbrücker Gestapo-Lagers. St. Ingbert 2019.
  • Germaine Tillion: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Frankfurt 2001.