Das Gestapo-Lager Neue Bremm war vor allem ein Durchgangslager für Französinnen und Franzosen, die Widerstand gegen die Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten geleistet hatten. Rund 2.400 Frauen und Männer kamen aus den Gefängnissen in Fresnes und Romainville nach mehrstündiger Bahnfahrt zwischen Juli 1943 und August 1944 am Saarbrücker Hauptbahnhof an und wurden von dort in das Gestapo-Lager Neue Bremm gebracht.
Das Saarbrücker Lager diente als „Weiche“ (aiguille), so Thomas Fontaine und Cedric Néveu in ihren Arbeiten aus dem Jahr 2007 über die Bedeutung des Gestapo-Lagers Neue Bremm für den französischen Widerstand. Dabei unterscheiden die beiden zwischen Männern und Frauen im Hinblick auf ihren Status als Gefangene. Die Franzosen, die seit August 1943 im Wochenrhythmus nach Saarbrücken gebracht wurden, waren sogenannte „Nacht- und Nebel-Gefangene“, die nach ihrer Festnahme sofort und spurlos verschwinden sollten. Dies wurde als Warnung an diejenigen verstanden, es den verhafteten Widerständigen nicht gleichzutun. Um diese Männer komplett der Wahrnehmung zu entziehen, war Eile geboten. Bevor sie in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden, brachten die Nationalsozialisten sie außer Landes. Saarbrücken, als erste Station in Deutschland bot sich mit dem Gestapo-Lager an der Metzer Straße, unweit der Landesgrenze zu Frankreich gelegen, an.

Luftbild (Ausschnitt) des Gestapo-Lagers Neue Bremm vom 2. August 1944.
Dort blieben die Männer mehrere Tage oder Wochen, bis sie meist nach Dachau, Buchenwald oder Mauthausen gebracht wurden. Das Gestapo-Lager Neue Bremm erwies sich in der Tat als Weiche, da deren Transport von Saarbrücken aus, eine neue Richtung nahm. Für die verhafteten Frauen des französischen Widerstands galt dies ebenso. Auch hier wurde das Gestapo-Lager Neue Bremm zu einer „Weiche“, die jedoch in Richtung Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gestellt wurde. Im Unterschied zu den Männern war die Motivation ihrer Verbringung von Paris nach Saarbrücken eine andere. Die Alliierten rückten seit der Landung in der Normandie im Juni 1944 allmählich in Richtung Paris vor. Wiederum mussten die Gefangenen schnell aus Paris hinausgebracht werden, nun um deren Befreiung zu verhindern. Wie schnell dies gehen musste, zeigt das Datum des letzten Transports aus Paris. Dieser kam am Tag der Befreiung von Paris am 25. August 1944 in Saarbrücken an.
Keine Weiche, sondern die Endstation eines mutigen Mannes: Das Lager Neue Bremm
Zu diesem Zeitpunkt war der 1910 in Wuppertal-Elberfeld geborene Siegmund Löwenstein seit fast einem halben Jahr tot. Er erlag laut dem in Saarbrücken ausgestellten Totenschein am 21. Februar 1944 dem Terror der Wachmannschaften des Gestapo-Lagers Neue Bremm. Man hatte ihn auf dem nahegelegenen Saarbrücker Hauptfriedhof beigesetzt. Siegmund Löwenstein war nur 34 Jahre alt geworden.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er ein Leben geführt, das mutig und entschlossen gewesen war. Siegmund Löwenstein hatte im Konfektionsgeschäft seiner Vaters Max Löwenstein in Wuppertal gelernt und dort als Kaufmann gearbeitet. Sein Vater war Sozialdemokrat und hatte sich während des Ersten Weltkrieges der USPD zugewandt und 1931 sich der neu gegründeten SAP, der Sozialistischen Arbeiterpartei angeschlossen. Anders sein Sohn, der Mitglied der SPD blieb und sich im Reichsbanner engagierte. Das Reichsbanner war ein Wehrverband, der sich zum Schutz der ersten Demokratie in der Weimarer Republik gegründet hatte. Seine Mitglieder waren Männer, die im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten und sich nun für den Schutz der Weimarer Republik eingesetzten. Mit drei Millionen Mitgliedern war das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold die größte demokratische Organisation der Weimarer Republik. Bereits mit 17 Jahren gehörte Siegmund Löwenstein der SPD und dem Reichsbanner an (Mintert 2002, S. 131f.)

Siegmund Löwenstein (1910-1944) alias Edmond Durand: Er floh aus Wuppertal nach Frankreich und wurde französischer Staatsbürger. Er kämpfte in der Französischen Armee und in der Résistance. Nach einer Denunziation 1943 wurde er in das Lager Neue Bremm verschleppt, wo er ermordet wurde. Foto: Nachlass Siegmund Löwenstein/David Mintert.
Er war bei dem einen wie dem anderen kein passives Mitglied, sondern gehörte dem Vorstand des Jungbanners an und war entschlossen und wehrhaft, für die Demokratie einzutreten. Zudem war er freier Mitarbeiter der „Freien Presse“. Doch Siegmund Löwenstein war auch Jude und geriet auch deshalb ins Visier der Nationalsozialisten. 1928 wurde er beim Spaziergang mit einer Freundin überfallen und zusammengeschlagen. Es blieb nicht bei diesem einen Angriff. Er sah sich fortan der Gewalt der sich in Wuppertal formierenden Nationalsozialisten und deren Anhängern ausgesetzt. Er wurde in der Nacht des 5. März 1933, dem Tag der letzten Reichstagswahl, wie viele jüdische Menschen und vor allem wie die als politischer Gegner der Nationalsozialisten ausgemachten Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und Kommunisten von den Schläger-Trupps der SA überfallen und zusammengeschlagen. Nun blieb ihm nur noch die Flucht, um sein Leben zu retten.
Naturalisiert und denunziert in Frankreich, verschleppt und ermordet in Deutschland
Siegmund Löwenstein floh nach Frankreich und holte bald seine Verlobte nach. Das Paar heiratete im Exil und bekam 1935 eine Tochter. Das Paar lebte bis 1940 in Rouen. Dort erfuhr er auch vom Tod seines Vaters Max, der während der Haft im Gefängnis in Wuppertal gestorben war. Siegmund Löwenstein hatte jegliche Verbindung zu seinem Herkunftsland verloren. Er arbeitete nun als Sprachlehrer. Das war ein Vorteil, dass er die Sprache seines Exillandes beherrschte. Mehr noch, er konnte die französische Staatsbürgerschaft erwerben. Kurz: Er wurde naturalisiert. Das bedeutete aber zugleich, wie im Fall der jungen Saarländer, die mit ihren Eltern nach dem 13.Januar 1935 nach Frankreich gegangen waren: Sie wurden gemustert und wurden zur Armee eingezogen. Das galt auch für die älteren Exilanten aus dem Saargebiet. Auch sie traten in die Armee ein, sofern sie als Prestatäre eingesetzt wurden oder, was auch vorkam, Anwärter auf die französische Staatsbürgerschaft waren. Wurden sie verhaftet und nach Deutschland verbracht, erwartete sie dort die Anklage „Hochverrat“ oder „Fremdländische Waffenhilfe.“
Siegmund Löwenstein wurde um das Jahr 1938 wie auch seine Ehefrau französische Staatsbürger. Damit war wehrpflichtig und „leistete seinen Wehrdienst 1938 als Hilfskanonier bei 34.Artillerieregiment in Rouen ab“, so die Recherche des Wuppertaler Historikers David Mintert über das Leben von Siegmund Löwenstein. (Mintert, 2002, S. 134). Nach Kriegsbeginn 1939 wurde es ihm erlaubt, seinen deutsch klingen Namen in „Edmond Durand“ zu ändern. Als Franzose wurde er erneut einberufen und wurde 1939/40 mit seinem Artillerieregiment gegen die Wehrmacht eingesetzt. Nach dem Waffenstillstandsabkommen im Juni 1940 konnte er in den von NS-Deutschland besetzten Zone im Norden Frankreich nicht mehr bleiben. Er floh erneut mit seiner Familie in die bis zum 11. November 1942 unbesetzte „Südzone.“ Edmond Durand ließ sich in Toulouse nieder und arbeitete dort als Buchhalter. Auch hier war er weiterhin für die Republik, nun die französische, engagiert. Er schloss sich der örtlichen Résistance an und wurde Mitglied eines der vielen Netzwerke, „Reseau“ genannt. Doch hier war er einer Tat ausgesetzt, die auch den Maler und Bildhauer Otto Freundlich um sein Leben brachte: Edmond Durand wurde denunziert und daraufhin am 18. Oktober 1943 von der Gestapo in Toulouse verhaftet. Am 11. September war sein Sohn Michael zur Welt gekommen. Er hat seinen Vater nie kennengelernt. Seine Ehefrau, die keine Jüdin war, blieb bis Kriegsende mit ihren Kindern in Frankreich. Später übersiedelte sie nach Deutschland und heiratete wieder.
Am Ende wieder in Deutschland angekommen: Das Gestapo-Lager Neue Bremm
Am 3. November 1943 schreibt Edmond Durand einen letzten Brief an seine Frau, in dem er trotz allem seine Verfassung als gut beschreibt und um Seife und Bücher bittet. Doch er bleibt nicht lange in Toulouse. Mit anderen verhafteten Männern des Widerstands aus der Region Toulouse kommt er nach Fresnes und von dort mit dem 20. Transport in Richtung Saarbrücken am 11. Januar 1944 dort an. Außer ihm sind es laut dem Livre Mémorial 43 Franzosen. Edmond Durand, der nun wieder Siegmund Löwenstein heißt, gilt als Deutscher und wird daher später in der Darstellung im Livre Mémorial, das alle Transporte von Französinnen und Franzosen nach Deutschland auflistet, nicht mitgezählt.

Titelansicht des Bandes 4 des Livre Memorial
Was im Gestapo-Lager Neue Bremm geschah, schildert Pierre Mignon, ein damals 21-jähriger Franzose, der vor dem Tribunal Général bei dem zwischen April und Juni 1946 im Rastatter Schloss abgehaltenen Prozess gegen das Lagerpersonal als Zeuge aussagte. Er schildert, was mit Siegmund Löwenstein passierte, nachdem dieser seinen Namen gesagt hatte. Damit war er für das Wachpersonal als Jude identifiziert worden. Das war sein Todesurteil, denn es erwartete ihn nun ein Übermaß an Terror. Denn die Gewalt unter dem Wachpersonal des Männerlagers war mit dem Tod von Robert Gatys am 18. September 1943 längst eskaliert. Gatys, der als Funktionshäftling im Lager eingesetzt worden war, war des Diebstahls beschuldigt worden. Daraufhin erfolgten über mehrere Tage sich erstreckende schwere Misshandlungen und Folter. Laut Totenschein nahm sich Gatys daraufhin selbst das Leben. Offen bleibt jedoch, ob er nicht von den Aufsehern ermordet worden war. (Thalhofer 2019., S. 154ff.) Da diese Tat von der Lagerleitung nicht bestraft oder als zumindest angemahnt worden war. Er wurde vielmehr gebilligt und offenkundig erlaubt. Daraufhin eskalierte unter dem Wachpersonal der Terror gegen die Häftlinge, beschreibt es Elisabeth Thalhofer.
Als Siegmund Löwenstein in das Lager Neue Bremm kam, war dieser Terror bereits Alltag im Lager geworden. Davon spricht Pierre Mignon in seiner Zeugenaussage im Rastatter Prozess: „Dieser Junge folgte uns in Transporten vom Gefängnis St. Michel in Toulouse bis zur Neuen Bremm. Nach der Ankunft im Lager mussten wir den SD-lern unsere Namen angeben. Als der jüdische Kamerad seinen genannt hatte, antwortete ihm der Mann vom SD: Jud! In acht Tagen wirst Du nicht mehr leben. In der Tat starb der arme Bursche durch die Misshandlungen der SS-ler, denen die Polen Molotov und Yoaun Hilfestellung leisteten. Der Tod war eine Erlösung für diesen armen Kameraden. (Renger/Bernard 1984, S. 95)

Eine frühe Arbeit über das Lager aus dem Bereich der Zivilgesellschaft.
Beigesetzt in Saarbrücken und eine späte Ehrung durch Frankreich
Im Lager Neue Bremm waren keine „SD-ler“ also Mitglieder des im Ausland operierenden Geheimdienstes eingesetzt. Der SS gehörte nur das Führungspersonal an. Das restliche Lagerpersonal bestand aus vom Arbeitsamt dienstverpflichteten Männer, ehemaligen Bergleuten und Rentnern. Es waren „normale“ Männer, die an diesem Ort Terror gegen wehrlose Menschen verübten und wahllos mordeten. Es zeigt daher, wie schnell und tiefgreifend das „verbrecherische System des ‚Dritten Reiches‘ (Thalhofer 2019, S. 236) die Gesellschaft erfasst hat.
Siegmund Löwensteins Totenschein nennt als Todesdatum den 21. Februar 1944. Pierre Mignon kam jedoch bereits am 11. Januar 1944 in das Lager Neue Bremm, so dass Siegmund Löwenstein acht Wochen und nicht acht Tage später im Lager zu Tode kam. Es kann auch sein, dass der Totenschein erst am 21. Februar ausgestellt wurde. (Renger/Bernard 1984, S. 102) Zumal es auch Zeugenaussagen gibt, in denen von gestapelten und gesammelten Leichnamen die Rede ist. Das ist der Fall in dem Zeitungsbericht „Leichenbestattung ein alltäglicher „Geschäftsvorgang“ (Neue Saarbrücker Zeitung, 25.05.1946), in dem der Saarbrücker Beerdigungsunternehmer Laubach als Zeuge vernommen wurde. Auffällig ist auch dem Totenschein auch, dass als Geburtsjahr nicht 1910, sondern 1916 angegeben wurde.
Pierre Mignon kam im März 1944 mit fünf anderen Männern seines Transports in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Die 38 anderen Franzosen, die mit ihm am 11. Januar 1944 nach Saarbrücken gebracht worden waren, waren einige Wochen zuvor in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt worden. Siegmund Löwenstein war derweil auf dem Hauptfriedhof Saarbrücken beigesetzt worden. Der Friedhof lag in Sichtweite des Gestapo-Lagers Neue Bremm.

Auf dem Saarbrücker Hauptfriedhof wurden Zwangsarbeiter:innen aus Osteuropa und im Lager Neue Bremm ermordete Häftlinge beigesetzt. Quelle: LpB Saarland
Doch dort sollte er nicht bleiben. Frankreich ehrte nach Kriegsende den Mann aus Wuppertal, der Franzose geworden war, gemeinsam mit anderen Franzosen in der Armee und im Widerstand gegen die Nationalsozialisten gekämpft hatte. Sein Leichnam wurde exhumiert und auf dem Militärfriedhof Le Pétant bei Nancy beigesetzt. Dort gedenkt Frankreich auf einem Ehrenfeld der französischen Opfer der Kriegsgefangenschaft, der Zwangsarbeit und der Konzentrationslager. Hier fand Siegmund Löwenstein seine letzte Ruhestätte. In Wuppertal, seiner Geburtsstadt, aus der er 1933 vor den Nationalsozialisten geflohen war, bewahrt ihm und seinem Vater Max Löwenstein die Gedenkstätte Alte Synagoge Wuppertal in ihrem Gedenkbuch ein Andenken.
Literatur
- David Magnus Mintert: „Sturmtrupp der deutschen Republik“ Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold in Wuppertal. Herausgegeben von der Forschungsgruppe Wuppertaler Widerstand. Wuppertal 2002.
- Raja Bernard/Dietmar Renger: Neue Bremm. Ein KZ in Saarbrücken. Saarbrücken 1999.
- Thomas Fontaine: Les rồles du camp de Sarrebruck dans les déportations depuis la France occupée (été 1943 – été 1944). In: Histoire et mémorie de la Camp Neue Bremm. Colloque sous la direction de Béatrice Fleury et Jacques Walter. Questions de communication. Série actes 5. Metz 2008. S.39-55.
- Cédric Neveu: La Neue Bremm et la répression en Moselle annexée (juin 1943- décembre 1944). In: Histoire et mémorie de la Camp Neue Bremm. Colloque sous la direction de Béatrice Fleury et Jacques Walter. Questions de communication. Série actes 5. Metz 2008. S. 23-39.
- Elisabeth Thalhofer: Das Lager Neue Bremm. Geschichte des Saarbrücker Gestapo-Lagers. Mit einem Vorwort von Rainer Hudemann. Vollständig überarbeitete und ergänzte Neuausgabe. St. Ingbert 2019.