Historisches Museum Saar, Schloss und Schlossplatz
Das Saarbrücker Schloss ist bis heute ein Wahrzeichen der Stadt Saarbrücken. Im Saarbrücker Schloss spiegelt sich die Geschichte der Saarregion: Im Mittelalter war es noch eine Burg, in der Renaissance wurde es zum Schloss. Im 18. Jahrhundert war es Sitz der Fürsten Saarbrücken-Nassau und im 20. Jahrhundert Verwaltungssitz für die Stadt, die Regierungskommission des Völkerbundes und seit April 1935 Hauptstelle der Gestapo. Nach 1945 wurde das im Krieg beschädigte Schloss erneut Verwaltungssitz. Hier ist heute die Verwaltung des Regionalverbandes Saarbrücken untergebracht. Von 1982 bis 1989 wurde es nach den Plänen des Architekten Gottfried Böhm saniert. 1975 wurde zufällig bei Vermessungsarbeiten im Vorfeld der geplanten Renovierung des Gebäudes im Keller eine vergitterte Zelle mit zahlreichen Wandinschriften entdeckt. Damit begann die anfangs schwierige Auseinandersetzung mit dem Schloss als Täterort zur Zeit des Nationalsozialismus. Daraus entwickelte sich seit den 1980er Jahren mit dem Schloss, der erhaltenen Arrestzelle im Keller, dem 1988 eröffneten Regionalgeschichtlichen Museum mit der Dauerausstellung zur NS-Zeit an der Saar, woraus 1994 mit dem Anbau das Historische Museum Saar. 1993 kam der „Platz des Unsichtbaren Mahnmals dazu.
Im April 1989 wurde das neue Schloss als „Bürgerschloss“ eröffnet. Im selben Monat fand eine sogenannte „Alternative Stadtrundfahrt“ statt, zu welcher die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) Saar seit 1980 einluden.

Seit 1980 veranstalteten die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Saar gemeinsam mit der VHS Saarbrücken „Alternative Stadtrundfahren.“ Quelle: Saarländisches Landesarchiv. Repro: LpB Saarland
Daran nahm der SPD-Ortsverein Saarbrücken-Malstatt teil. In Folge der Besichtigung, zu der auch als Stationen das Schloss mit der im Keller erhaltenen Gestapo-Arrestzelle und der Schlossplatz zählten, kam der Plan auf, an diesem Ort eine „jüdische Gedenkstätte“ zu errichten. Dieses Anliegen teilte die VVN Landesvereinigung Saar dem Bürgermeister des Bezirks Saarbrücken-Mitte mit. Die Gedenkkultur war zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht in dem Maße im Hinblick auf die Formate des Gedenkens ausdifferenziert wie heute, so dass „Gedenkstätte“ geschrieben wurde, jedoch war damit die Aufstellung einer Gedenktafel gemeint. Das Besondere war, dass damit nicht den politischen Gegnern gedacht werden sollte, die in den Arrestzellen der Gestapo auf ihre Verhöre warten mussten und von hier in Lager oder Gefängnisse verbracht wurden, sondern jüdischen Menschen. Dabei wurde auf die am 22. Oktober 1940 vom Schlossplatz ausgehende Deportation jüdischer Saarländer:innen aus Anlass der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion, die der Gauleiter Josef Bürckel, Gau Saarpfalz und Robert Wagner, Gau Baden veranlasst hatten. An diesem Tag wurden aus 17 Städten und Gemeinden des Saarlandes 134 Menschen zum Schlossplatz gebracht. Dort mussten sie ihren Besitz an eine zum Gau Saarpfalz gehörende „Verwertungsgesellschaft“ abtreten. Danach wurden sie über den Bahnhof Forbach nach Frankreich verschleppt. Insgesamt fielen 6.500 Menschen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland dieser Deportation zum Opfer. Das Thema „Lager Gurs“ war zu diesem Zeitpunkt nur wenigen, und dann vor allem Lokal- und Regionalhistorikern bekannt. Auch hier zeigt sich erneut, dass sich die Zivilgesellschaft bereits Jahrzehnte mit dem Thema befasst hatte, bevor es wissenschaftlich bearbeitet und Teil der offiziellen Erinnerungskultur wurde. So hieß es: „An dieser Stelle begann am 20.(!) Oktober 1940 im Rahmen der nationalsozialistischen „Endlösung“ der Leidensweg von saarländischen Juden in die Vernichtungslager.“Diese geplante Inschrift zeigt zugleich, dass auch hier eine differenzierte Betrachtung noch ausstand.
Die Deportation nach Frankreich im Oktober 1940 war die erste, geschlossene, das heißt eine große Zahl an Menschen betreffende Maßnahme. Nach der sogenannten Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 in einer Villa am Berliner Wannsee begannen zwar nicht die Deportationen – diese waren bereits im Gang-, jedoch wurde deren, zynisch gesagt, „Logistik“ dort besprochen. Dieser fielen auch ein Großteil der in das Lager Gurs deportierten Menschen zum Opfer. 80 der 134 Saarländerinnen und Saarländer wurden Anfang August 1942 von Gurs über das Lager Drancy bei Paris in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt und ermordet. Somit stimmte die Inschrift und doch auch nicht ganz. Auch war es der 22. Oktober und nicht, wie geschrieben der 20. Oktober 1940 gewesen. Ungeachtet dessen, war dieses Anliegen hochrespektabel und notwendig. Mit diesem Schreiben an den Bezirksbürgermeister der Landeshauptstadt wurde ein Verfahren in Gang gesetzt, das über die kommenden Wochen die Landeshauptstadt und den Stadtverband Saarbrücken beschäftigte. Der Vorschlag wurde allgemein begrüßt. Jedoch wies die Gründungsdirektorin des Regionalgeschichtlichen Museums Saar, Dr. Lieselotte Kugler in einer Stellungnahme vom 18. Juli 1988 daraufhin, dass die Gedenktafel an diesem Ort die gesamte Verfolgungspraxis der Gestapo an deren Sitz in Saarbrücken thematisieren müsse. Die Dauerausstellung „Zehn statt tausend Jahre“ zur NS-Zeit an der Saar stand vor der Eröffnung im November. Deren zentraler Bestandteil war die 1975 entdeckte Arrest-Zelle im Keller.
Auch der Verfolgung der Jüdinnen und Juden aus dem Saarland thematisiere die Dauerausstellung. Daher schlug sie einen erweiterten Text vor:
„Die Geheime Staatspolizei Saarbrücken
hatte im(!) Schlossplatz 14/15 von 1935 -1945 ihre Diensträume.
Sie war zuständig für das Saarland und die Pfalz.
In dieser Dienststelle wurden die Gegner des
Nationalsozialistischen Regimes verhört, gefoltert und eingesperrt.
Vom Schlossplatz aus wurden am 22. Oktober 1940 die letzten 134 jüdischen Mitbürger des Saarlandes nach Frankreich ins Lager Gurs abtransportiert. Damit begann für die meisten von ihnen der Weg in die Vernichtungslager.“
Dieser Vorschlag wurde vom Stadtverband übernommen und am 28. Juli 1988 in einem Schreiben an die Landeshauptstadt dieser avisiert. Damit war das Thema in der Verwaltung im Umlauf. Es folgten zwischen September und November 1988 weitere Schreiben, wobei auch der damals noch im Saarland mit großer Machtfülle ausgestattete Landeskonservator und die damals noch für die Genehmigung einer Gedenktafel zuständige Untere Denkmalschutzbehörde miteinbezogen war. In Anbetracht des bereits mehrere Monate sich dahinziehenden Verfahrens fragte der SPD-Ortsverein Malstatt Anfang Januar 1989 nach und erhielt am 30. Januar 1989 zur Antwort, dass daran gedacht sei, am Nordflügel des Schlosses eine Gedenktafel aufzustellen, welche die Verfolgungspraxis der Gestapo thematisiere. Auch ein Mahnmal sei möglich, allerdings mit Einschränkungen, denn mittlerweile gab es die Dauerausstellung zur NS-Zeit an der Saar im neueröffneten Regionalgeschichtlichen Museum im Keller des Schlosses, zu der die 1975 entdeckte Gestapo-Zelle gehörte. So hieß es: „Hierzu bedarf es jedoch noch einiger Überlegungen, vor allem im Hinblick darauf, dass zu viele Maßnahmen zu einer Entwertung der Authentizität der Gestapozelle und der ständigen Ausstellung über die Nazizeit führen könnten.“ Das hieß nichts anderes als: Tafel ja, aber alles andere kommt hier nicht hin. Diese Botschaft wurde offenbar verstanden, denn nur wenige Monate später wurden Fakten geschaffen, die schließlich zu einem Umdenken führten.
Ein Pfingstfestival, bei dem das Budget für Öffentlichkeitsarbeit kreativ eingesetzt wurde
Im April 1989 war das neue Schloss mit dem gläsernen Mittelteil als sogenanntes „Bürgerschloss“ eröffnet worden. Doch die Tafel war immer noch nicht aufgestellt. Daher entschlossen sich die Jusos Saar, den Dienstweg abzukürzen. An Pfingsten 1989 waren sie Gastgebende des Juso-Pfingstfestival, das im Deutsch-Französischen Garten stattfand. Dafür gab es einen Etat für Öffentlichkeitsarbeit. Diesen galt es kreativ zu nutzen, so die Erzählung des damaligen Juso-Funktionärs und viele Jahre danach als Bürgermeister der Landeshauptstadt amtierenden Ralf Latz im Jahr 2022. Um das Gedenken an die NS-Zeit im Saarland, insbesondere an das Schloss als Sitz der Gestapo zu aktivieren, beschloss man, einen befreundeten Steinmetz mit der Gestaltung eines Gedenksteins zu beauftragen. Das geschah in aller Heimlichkeit, wenn auch der Transport und die Aufstellung des Steins vor aller Augen stattfanden. Zumal just an dem Tag der Anlieferung des Steins, der ansonsten freizugängliche Schlossplatz mit einer Schranke und einem Parkwächter versehen war. Was tun also? Die Antwort fand Ralf Latz relativ schnell und erklärte diesem, dass er hier im Auftrag des Ministerpräsidenten sei, worauf sich die Schranke hob und die heimliche Aktion der Jusos öffentlich werden konnte. Um die Medien dafür zu interessieren und zugleich zu verhindern, dass hier die Altvorderen sich diese Aktion zueignen, wurde die Einweihung als Schweigemarsch inszeniert. Die Politik war dabei, durfte aber nichts sagen, sondern wie alle nur eine Rose vor dem Stein ablegen. „Die Denkmalsetzung fand ohne vorherige Abstimmung mit dem Eigentümer des Schlosses, dem Stadtverband, statt – weder eine baurechtliche noch denkmalpflegerische Genehmigung wurde eingeholt“, konstatierte ein im Archiv des Regionalverbandes erhaltener Vermerk aus dem Juni 1989. Jedoch sprachen Stadtverband und Jusos miteinander. Zwar man beim Stadtverband „nicht ganz glücklich“ was Gestalt und Standort betraf, aber man war einverstanden mit der Absicht, dass es ein „Stein des Anstoßes“ war, der Statthalterfunktion hatte.

Der am 13. Mai 1989 im Ehrenhof des Saarbrücker Schlosses von den Jusos Saarbrücken-Malstatt aufgestellte Doppelkubus zum Gedenken an die Opfer des NS-Regimes, die in der NS-Zeit im Schloss dem Terror der dort sitzenden Gestapo ausgesetzt waren. Dieser Stein wurde im Juli 1993 zuerst in den Schlossgarten und dann an das Ende der Treppe zum Schlossgarten versetzt.
Foto: LpB Saarland
Die Jusos hatten den Stein als Impuls verstanden, dass die politisch Verantwortlichen im Stadtverband und im Land ein offizielles Mahnmal an dieser Stelle errichteten. So hatte es der damalige Juso-Landesvorsitzende Peter Gillo und spätere Direktor der Regionalverbands Saarbrücken erklärt. So kam es, dass darauf ein Wettbewerb für ein Denkmal geplant wurde. Eine Jury wurde ins Auge gefasst und die damals mit Denkmalen und der Gestaltung von Gedenkorten befassten Bildhauer Alfred Hrdlicka, der in Hamburg ein Denkmal geschaffen hatte und Ulrich Rückriem, der ebenfalls für Hamburg eine Arbeit geschaffen hatte, sollten eingeladen werden. Aus dem Saarland wurde an die Bildhauer Leo Kornbrust und Thomas Wojciechowicz gedacht. Doch dazu kam es dann doch nicht. Die Eröffnung der Hochschule der Bildenden Künste Saar am 3. November 1989 lenkte den Plan in eine neue Bahn.
Blütenraum des Jahres 1989: mit renommierten Künstlern internationale Wahrnehmung erzielen
Die Gründung der Hochschule der Bildenden Künste Saar war ein Ausdruck des sich in dem Post-Industriezeitalter bzw. vor dem Hintergrund des Niedergangs des Bergbaus und der Hüttenindustrie vollziehenden Strukturwandels. Neue Materialien, neue Ressourcen standen nun im Mittelpunkt. Das Saarland förderte unter anderem Informatik und bereits damals Künstliche Intelligenz, was nicht ohne Folgen für die Kultur blieb. Im Rückgriff auf die eher auf dem Feld der Legende denn der Wirklichkeit situierten Kunstausbildung an der Saar nach 1945 an der ehemaligen Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken schwebte den politisch Verantwortlichen ein Imagewechsel vor. Bildung, Kunst und Kultur galten als neue Ressourcen und sogenannte „weiche Standortfaktoren“, die für die Ansiedlung von Unternehmen und damit auch neuen Einwohner:innen werben sollten. Dabei flogen die Blütenträume hoch, wofür die Gründung der Kunsthochschule stand, die im Juli 1987 erstmals angekündigt am 3. November 1989 eröffnet wurde. Das Saarland wollte und sollte fortan als Kunststandort wahrgenommen werden. Ein Ziel, das aus sich heraus nicht zu schaffen war. Deshalb sollten im Fach Kunst, der neben dem Bereich Design die beiden Fachrichtungen der neugegründeten Schule ausmachten (Sabine Graf 2005. S. 366f.), es international angesehene Künstler (nicht gegendert!) als Gastprofessoren richten. So sollte es keine festen Professorenstellen geben, sondern jährliche oder zweijährliche Wechsel, bei denen Künstler von Rang diese Aufgaben übernehmen sollten. Letztlich wurden auch hier alsbald feste Stellen geschaffen, doch den Anfang als erster – und unter diesen Vorzeichen einziger – Gastprofessor machte Jochen Gerz. Er hatte bereits in der von Bernd Schulz geleiteten Stadtgalerie Saarbrücken ausgestellt. Schulz, der damals das Ohr der politisch Handelnden hatte, hatte mutmaßlich die Verbindung hergestellt. Zumal Jochen Gerz sich mit dem Themenfeld „Erinnerung“ seit langer Zeit in unterschiedlichen Aspekten beschäftigte. Die Installation „EXIT-Materialien zum Dachau-Projekt“ (1972/74), die auf einen Besuch von Gerz in der Gedenkstätte bzw. dem dort ansässigen Museum zurückgeht und das ehemalige Konzentrationslager mit der daraus entstandenen Gedenkstätte in Beziehung setzt sowie das seit 1986 in Hamburg-Harburg realisierte „Mahnmal gegen Faschismus“ standen dafür ein. Dazu kam, dass das Schaffen von Jochen Gerz nicht auf traditionelle Medien ausgerichtet war, wenn es um das Gedenken ging. Ganz im Gegenteil stellte er die traditionellen Formen des Gedenkens – das Denkmal als Skulptur oder Tafel – in Frage. In Hamburg hatte er eine Bleisäule, die von den Passant:innen beschriftet werden konnte, genauer: auf der sie gegen den Faschismus unterschreiben sollten (schon damals ein reichlich naives Unterfangen), auf dass dieser für alle Zeit…. Viele nutzten die Fläche dazu, ihr neonazistische Parolen oder einfach alberne Sätze einzuschreiben. Kurzerhand erklärte Gerz, dass auch das zum Diskurs gehöre. Die Säule wurde sobald die Fläche beschreiben war, abgesenkt, so dass sie 1933 komplett im Boden verschwunden war. Dieser Gedanke spielte auch in Saarbrücken eine Rolle. Aus dem Dachauer-Projekt der 1970er Jahre kam die Skepsis gegenüber musealen Formen in der Gedenkarbeit, wobei die damalige Gedenkstättenleiterin dem Künstler Gerz den Gefallen tat, gegen das Projekt zu protestieren und es damit in die internationale Wahrnehmung zu bringen. Ein Verfahren, das sich auch in Saarbrücken als erfolgreich herausstellen sollte. Weitere Elemente aus dem Schaffen von Jochen Gerz, welche das Saarbrücker Projekt bestimmten, waren die Teilhabe des Publikums, das durch sein Mitwirken eine künstlerische Arbeit herstellt; der Künstler, der vor und mit seinem Publikum das Werk schafft. Das heißt, der Vorgang und der Prozess steht im Mittelpunkt und nicht ein Objekt, das vom Künstler geschaffen und in einen Raum zur Betrachtung durch Dritte gestellt wurde. Gerz forderte von sich und dem Publikum Aktivität ein. Daraus bildete sich der Ansatz für ein Projekt, das Jochen Gerz als Gastprofessor mit Kunststudieren an der Kunsthochschule umsetzte.

Infotafel zum „Platz des Unsichtbaren Mahnmals“ an der Mauer zum Schlossplatz. Foto: LpB Saarland
Ein „untraditionelles Kunstwerk“ entsteht unter maßgeblichem Einsatz von Kunststudierenden
Jochen Gerz gab als Gastprofessor den Studierenden in Saarbrücken unter anderem die Themen „Faschismus“ und „Abwesenheit“ vor. Sie besuchten mit ihm das neueröffnete Regionalgeschichtliche Museum mit der darin aufgebauten Ausstellung zur NS-Zeit an der Saar. Daraus entstand die Gruppe „Mahnmal“, die weitgehend auf sich selbst gestellt war, denn Jochen Gerz hatte zu dieser Zeit noch weitere Gastprofessuren und war als Künstler in eigener Sache international unterwegs. So dachte die Gruppe einen im Jahr der Wiedervereinigung durchaus zeitgemäßen „Platz der Vereinigung“ zu schaffen, wobei an die Vereinigung mit der Vergangenheit gemeint war. Dazu sollten Teile von jüdischen Grabsteinen auf dem Platz verlegt werden. Hier zeigte sich, wie steil die Lernkurve der Gruppe war, denn sie erfuhren, dass dies unmöglich ist, denn Jüdische Friedhöfe sind für die Ewigkeit angelegt und werden nie aufgegeben. Ein neuer Plan kam auf: Dann entnehmen wir Steine von einem Platz in Saarbrücken und senden diesen zu den jüdischen Gemeinden, die dann die Namen ihrer Friedhöfe einschreiben lassen. „Das wäre ein logistisches Megaunternehmen geworden, an dem die Post sehr viel verdient hätte, beschreibt es der damalige Student und heute als Künstler in Berlin lebende Christian Cordes. Zugleich hätte es viele Gemeinden überfordert. „Dann lassen wir uns die Namen der Friedhöfe zu schicken und schreiben sie selbst ein“, lautete am Ende der Beschluss, so Cordes. Dazu brauchte es andere Mittel als Farbe und Staffelei: „Der erste Mac an der Schule stand bei uns im Arbeitsraum“, erinnert sich Martin Blanke, der zur Gruppe der Studierenden gehörte. Zu dem Computer kamen noch ein Fax und ein Telefon, denn das Projekt verlangte vor allem eins: Viel Kommunikationsleistung von den Studierenden, die umfangreiche Recherchearbeit leisteten. Sie dokumentierten alle jüdischen Friedhöfe in Deutschland die es 1933 in Deutschland gab. Es war ein „untraditionelles Kunstwerk“, es der für die Kommunikation zuständige Studierende Daniel Funke in einem Brief vom 25. Mai 1990 schrieb. Doch es war nicht nur Konzeptarbeit im Büro verlangt, sondern auch nächtliche Aktion beim sogenannten „Steinepflücken“ auf dem Schlossplatz. Ein Team von zwei bis drei Personen zog mittels eigens gefertigter Metallhaken einzelne Pflastersteine aus dem Boden und fügte neue Steine ein. Die entnommenen Steine wurden mit dem Namen eines jüdischen Friedhofs von einem Kunststudenten, der ausgebildeter Steinmetz war, beschriftet und in einer weiteren nächtlichen Aktion wieder eingesetzt. Jochen Gerz hatte dazu die entscheidende Vorgabe gemacht: Die Steine sollten mit der Schrift nach unten wieder eingesetzt werden. Damit war das Mahnmal im Gegensatz zu dem Mahnmal in Hamburg von Beginn an unsichtbar.
Erst ein Jahr danach ging die Gruppe an die Öffentlichkeit und kam um Unterstützung vom Stadtverband für ein „Experimentelles Kunstwerk“ ein, wie es in der Tagesordnung der Sitzung des Stadtverbandes vom 14. Mai 1991 hieß. Nicht jeder der Mitglieder der Versammlung war damit einverstanden, ein Projekt nur noch abzunicken, wie es von den damaligen Mehrheitsfraktionen in Stadtverband und im Land durchgesetzt werden sollte. Das haftet diesem Projekt bis heute an, dass es von oben nach unten durchgedrückt wurde. Das hatte wenig mit der von Gerz geschätzten Teilhabe zu tun. Als es an die Fertigstellung ging, benannte Gerz das Projekt im November 1991 kurzerhand um, da sie denselben Titel wie das Projekt in Hamburg-Harburg trug. Statt „Faschismus“ hieß es nun „Mahnmal gegen Rassismus“, wo doch Antisemitismus gemeint war. Dieser wahllose Umgang mit Begriffen das zeigt, wie wenig reflektiert die Debatte damals. war. Heute ist jedem bewusst, dass die Begriffe nicht einfach gegeneinander ausgetauscht werden können. Damals, als solche Projekte, die auf zeitgemäße Art Kunst und Gedenken verbanden, noch absolut selten waren, ging dies ohne viel Aufsehen durch. Heute ist das undenkbar.

Christian Cordes beim Verlegen der Steine in der Auffahrt zum Saarbrücker Schloss. Quelle: Thomas Rössler/Historisches Museum Saar
1992 wurden die 2.146 Steine, auf deren Unterseite die Namen der jüdischen Friedhöfe eingeschrieben waren, die 1933 in Deutschland existierte waren unter die rund 8.000 Pflastersteine in der Auffahrt zum Saarbrücker Schloss verlegt.
Am 23 Mai 1993 wurde der „Platz des Unsichtbaren Mahnmals“ auf dem Saarbrücker Schlossplatz eingeweiht. Das war fast auf den Tag vier Jahre nach der Aktion der Jusos. Am Tag der Einweihung protestierte die nächste Generation der Jusos und kritisierte das Fehlen des Gedenksteins. Der stand mittlerweile im Schlossgarten. Dort sollte er nicht bleiben. Auf den Schlossplatz konnte er nicht mehr zurück, da dort nun ein „Unsichtbares Mahnmal“ war. Die Vorgänger der aktuell Protestierenden hatten den Stein als „Statthalter“ auf dem Weg zu einer Gedenkstätte gesehen. Für sie hatte er seine Aufgabe erfüllt. Es gab vor Ort eine, wenn auch unsichtbare Gedenkstätte. Jedoch wurde der Gedenkstein im Juli 1993 ein weiteres Mal umgesetzt. Er steht seitdem am Ende des Treppenaufgangs vom Schlossplatz zum Schlossgarten und bildet mit dem Historischen Museum Saar, der Dauerausstellung zur NS-Zeit, der ehemaligen Gestapo-Zelle und dem „Platz des Unsichtbaren Mahnmals“ ein die Formen und Zeiten des Gedenkens umfassendes Ensemble
Literatur
- Horst Bernard: Das Geheimnis des alten Schlosses. Saarbrücken 1982.
- Horst Bernard: Neue Bremm. Das Lager. Ehemalige Häftlinge des Gestapo-Lager Neue Bremm erinnern sich. Saarbrücken 2014.
- Sabine Graf: Ja, ein Jahrhundertereignis. In: Sichtbarmachen. 80 Jahre Kunstschulausbildung im Saarland. Saarbrücken 2005. S. 366-389.
- Sabine Graf: Von Orten und Opfern. Erinnerung an die Anfänge der Gedenkkultur im Saarland In: SaarGeschichten Heft 1, 2022, S. 34-46.
- Lieselotte Kugler: Statt eines Vorworts – ein Rückblick: Zehn Jahre Historisches Museum Saar.In: Zeitsprünge. Ein Blick in das Historische Museum Saar. Bausteine zur Geschichte der Saarregion. Schriftenreihe des Historischen Museums Saar. Band 3. Saarbrücken 1996. S. 5-6.
- Inge Plettenberg: Die Wandinschriften in der Gestapo-Zelle. In: „Zehn statt tausend Jahre“ Die Zeit des Nationalsozialismus an der Saar (1935-1945). Katalog zur Ausstellung des Regionalgeschichtlichen Museums im Saarbrücker Schloss. Saarbrücken 1988. S. 253-267.
- Dietmar Renger/Raja Bernard: Neue Bremm. Ein KZ in Saarbrücken. Vierte erweiterte Auflage. Heusweiler 1999 (1984). S. 83f.
- Lutz Rieger: Künstlerische Gestaltung der Fußgängerzone St. Johanner Markt in Saarbrücken. In: Kunst im öffentlichen Raum. Herausgegeben vom Institut für aktuelle Kunst im Saarland. Band 1: Saarbrücken-Mitte. Saarbrücken 1997. S. 75-81.
- Harald Schmid: Deutungsmacht und kalendarisches Gedächtnis. In: Peter Reichel u.a. (Hg): Der Nationalsozialismus – die zweite Geschichte. Überwindung, Deutung, Erinnerung. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Band 766. Bonn 2009. S. 175-216.