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„Fünf englische Offiziere“

Allgemein, Männer, Nationalität

Die Spezialeinheit „Special Operations Executive“, kurz SOE wurde im Juli 1940, bald nach der Besetzung Frankreichs, Luxemburg, Belgien und den Niederlanden durch NS-Deutschland von Premierminister Winston Churchill gegründet. Bald nach dem die nach der Schlacht von Dünkirchen dort eingeschlossenen britischen, französischen und belgischen Soldaten nach Großbritannien gebracht worden waren und damit den Grundstock für den Aufbau des Britischen Expeditionskorps und der Französischen Exilarmee gebildet hatten, startete auf Geheiß von Churchill das, was er „Ungentlemanly Warfare“ nannte: Den Angreifer Deutschland im besetzten Frankreich mit Sabotageaktionen zu schwächen und Fluchthilfenetzwerke aufzubauen, um dort abgeschossene Piloten und Angehörige der alliierten Armeen nach Großbritannien zu bringen. SOE-Agent:innen unterstützten in den folgenden Jahren erstarkende Résistance. Das waren die Aufgaben von fünf Männern, die im September 1943 im Lager Neue Bremm aufeinandertrafen und bis zur Befreiung in Dachau in den folgenden zwei Jahren die Haftorte teilten. 

Vom Verschwinden in Nacht und Nebel und dem Auftauchen in Saarbrücken

Im September 1943 trafen im Lager Neue Bremm von fünf Männer zusammen, die von dort, wenn auch nicht zur selben Zeit, nach Mauthausen kamen, aber von dort an zusammenblieben und gemeinsam nach Natzweiler und Dachau kamen und dort befreit wurden. Diese Gruppe wurde die „Englischen Offiziere“ (English Officers) genannt. Damit bezeichnete das Wachpersonal im Gestapo-Lager Neue Bremm den Belgier Albert Guerisse (1911-1989), der unter dem Decknamen „Patrick O’Leary“ wegen seines Akzentes als kanadischer Offizier firmierte. Er hatte in Frankreich die nach ihm benannte „Pat-Linie“, eine Fluchthilfeorganisation für geflohene Soldaten oder abgeschossene Piloten der alliierten Armee in Frankreich aufgebaut und sehr erfolgreich organisiert. Die Autorin Helen Long, Nichte des mit seiner Ehefrau Fanny Mitbegründers der Pat-Linie, Dr. George Rodocanachi, spricht in ihrem Buch (mit einem Vorwort von O’Leary/Guerisse) über die Pat-Line von über 300 Menschen, die auf diesem Weg gerettet werden konnten (Long 1985, S. 118). Guerisse/O’Leary wurde 1911 in Brüssel geboren. Er studierte Medizin und arbeitete seit 1936 als Militärarzt bei der belgischen Armee im Rang eines Hauptmanns. Er kämpft gegen die Wehrmacht, als diese im Mai 1940 Belgien überfiel. Als die belgische Armee am 28. Mai 1940 kapitulierte, schloss er sich der britischen Armee in Frankreich an. Er gehörte zu den mehr als 300.000 britischen und französischen Soldaten, die Ende Mai in Dünkirchen in die Enge getrieben wurden. In einer großangelegten Rettungsaktion mit allen in Großbritannien verfügbaren Schiffen wurden die Männer gerettet. Unter ihnen war Albert Guerisse, der bereits wenige Tage später nach Brest zurückkehrte, um mit erneut eine belgische Armee aufzubauen. Der Plan misslang jedoch, und er musste mit weiteren Offizieren in den unbesetzten Teil Frankreichs fliehen. Er fuhr auf einem Handelsschiff zurück nach Großbritannien und schloss sich der Royal Navy an. In dieser Eigenschaft kam er in Kontakt mit der Spezialeinheit SOE. Nun agierte er unter seinem Pseudonym Patrick O’Leary, einem frankokanadischen Offizier, womit sein Englisch mit französischem Akzent – das ihn jederzeit verraten kann – glaubhaft gemacht wurde. Er diente auf der HMS Fidelity, die SOE-Agenten nach Frankreich brachte und Flüchtlinge zurück nach Großbritannien. Dabei wurde er 1941 festgenommen und interniert. Mittels eines Mitgefangenen, dem MI9-Agenten Ian Garrow gelang ihm die Flucht. Beide mussten nun untertauchen und Guerisse nannte sich nun aus Sicherheitsgründen nur noch O’Leary. Garrow baute in Marseille mit anderen eine Fluchthilfeorganisation auf, die Menschen aus der noch unbesetzten Südzone Frankreich über Spanien nach England brachte. Nach der Verhaftung von Garros im Oktober 1941 übernahm O’Leary das Netzwerk, das derart von ihm geprägt, nach ihm benannt wurde. Wenige Wochen bevor NS-Deutschland auch die Südzone besetzte, kam der mutmaßlich australische, aber wohl auch aus Belgien stammende, ebenfalls im Dienst der SOE stehende Thomas Groome als Funker zu dem Fluchthilfe-Zirkel. Durch die Besetzung stieg die Gefahr entdeckt zu werden. Daher wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Daher ging Funker Thomas Groome nach Montauban und kam dort in einem sicheren Haus bei einer Familie unter. Bei einer Funkübertragung nach London entdeckte ein Funkpeilwagen Groome und seine Partnerin. Die beiden wurden im Januar 1943 verhaftet. Doch zuvor sollte Groome alias „Georges de Milleville“ noch seine Übertragung unter Zwang beenden. Er ließ jedoch den Sicherheitscode aus, mit dem er die Übertragung absicherte und damit bewies, dass er es und nicht der Feind ist, der da funkte.
London wusste nun, dass er entdeckt wurde und sein Funkgerät in die Hände der Gestapo geraten war. Groome und seine Partnerin waren in Haft. Da er der einzige Funker der Pat-Line war, konnte niemand mehr – auch nicht London – O’Leary informieren. Daher musste er handeln. Er sprang aus dem Fenster des Verhörraums im Zweiten Stock im Hotel Weißer Bär in Toulouse, dem Sitz der Gestapo. Er wusste, dass dies eine vergebliche Aktion war, denn er wurde sofort gefasst, hatte jedoch letztlich den gewünschten Erfolg. Seine ebenfalls im Verhörraum sitzende Partnerin konnte durch den entstehenden Tumult entkommen und O’Leary informieren. (Ottis 2001, S. 110f) Doch damit war die Bedrohung nicht kleiner geworden. Im Gegenteil O’Leary befürchtete, dass sein Netzwerk von Doppelagenten im Dienst der Gestapo infiltriert ist. Niemand war mehr sicher, auch der Kopf des Netzwerks nicht. O’Leary wurde am 2. März 1943 von einem Doppelagenten in einer Bar in Marseille in eine Falle gelockt und verhaftet. Nach Verhören und Folterungen, die er überstand, ohne etwas verraten, kam er als sogenannter „Nacht-und-Nebel“-Gefangener über verschiedene Gefängnisse in Toulouse, Marseille und nach Fresnes bei Paris. Von dort brachte ihn ein Transport nach Saarbrücken. Das Gestapo-Lager Neue Bremm hatte dafür die Aufgabe, die als „Nacht-und-Nebel“-Gefangene gekennzeichneten Männer so schnell als möglich aus Frankreich fortzubringen, so als ob sie Nacht und Nebel verschluckt hätten. Das Lager in Saarbrücken diente als „Weiche“, wie der Geschichtswissenschaftler Thomas Fontaine die Funktion des Lagers beschrieben hatte. Von hier aus gingen daraufhin die Transporte nach Buchenwald, Dachau und Mauthausen sowie, was die weiblichen Gefangenen betraf, nach Ravensbrück.

Luftaufnahme des Gestapo-Lagers Neue Bremm, aufgenommen von der US-Armee am 2. August 1944

Luftbild (Ausschnitt) des Gestapo-Lagers Neue Bremm vom 2. August 1944.


Patrick O’Leary war mutmaßlich am 25. September 1943 im Lager eingetroffen. Das Livre Mémorial, das alle Transporte aus Frankreich nach Deutschland verzeichnet, vermerkt O’Leary unter den unter der Nummer I.302 geführten Transporten aus Frankreich, ohne jedoch einen genauen Termin anzugeben. Die Dauer seines Aufenthaltes lässt sich hingegen eingrenzen. Eine biographische Darstellung über den britischen SOE-Agenten Brian Julian Warry-Stonehouse spricht davon, dass dieser zusammen mit O’Leary und Tom Groome im selben Transport mutmaßlich aus Richtung Schirmeck-Vorbruck nach Saarbrücken gekommen ist. Die in den Arolsen Archives nachgewiesenen Häftlingspersonalkarten und Aufnahmeprotokolle von Groome und Stonehouse nennen den 16. Oktober 1943 als Zugangsdatum.

Häftlingspersonalkarte im Konzentrationslager Dachau von Brian Warry-Stonehouse. Quelle: AA_DocID_10761773

 Der Transport beanspruchte zwei Tage, so dass O‘Leary, Groome, Stonehouse und ein weiterer Mann namens John Hopper um den 14. Oktober 1943 Saarbrücken verlassen haben.  
Am 4. Oktober 1943 war O’Leary im Lager, wie er im Rastatter Prozess ausgesagt hat. Am 16. April 1946 gab er eine Begebenheit zu Protokoll, bei der er von dem Aufseher Hornetz geschlagen wurde, nachdem dieser ihm als einem dieser „englischen Offiziere“ angegangen hatte, da Engländer Frauen und Kinder bei Bombenangriffen getötet haben. Am 4. Oktober 1943 war ein Angriff aus der Luft auf Saarlouis erfolgt. Im Juli des Vorjahres hatte ein Luftangriff der Briten auf Saarbrücken stattgefunden. Darauf angesprochen, entgegnete O’Leary: „Als ich erwiderte, dass die Deutschen angefangen hätten, Frauen und Kinder zu töten, als sie Coventry bombardierten, schlug er mich wie wild mit den Fäusten (…)“ (Zeugenaussage Lieutenant Commander Patrick Albert O’Leary vom 16. April 1946, MAE AJ/4028, 2A zit. in Thalhofer 2019, S. 102) Diese Begebenheit erinnerte ein weiterer der „fünf englischen Offiziere“, die ihren Namen offenkundig von dem Wachpersonal des Lagers erhalten hatten.

Häftlingspersonalkarte von Thomas Groome im Konzentrationslager Dachau: NN-Gefangener wie die anderen vier und am selben Tag von Natzweiler aus in Dachau registriert. Quelle: AA_DocID_10653766

Das Zusammentreffen von fünf Männern in der Mission des Ungentlemanly Warfare

Der in den 1930er Jahren in Caen in der Normandie lebende Engländer John Hopper (1912-1991) kam in seinen Erinnerungen, die er dem Autor Robert Wernick um das Jahr 1990 mitteilte, auf diese Begebenheit zu sprechen. Er bestätigte, dass O’Leary wegen des Luftbombenangriffs auf Saarlouis am 4. Oktober 1943 bzw. die Angriffe der Briten aus der Luft aus Saarbrücken angegangen wurde. In der Erinnerung Hoppers war der Anlass ein Appell am Eingang des Lagers, bei dem der SS-Kommandant von den Gefangenen forderte, ihren Namen und das ihnen zur Last gelegte Verbrechen zu nennen. Dabei war er, so die Darstellung Hoppers, an seinen Nebenmann herangetreten und diesen als „englischen Offizier“ angesprochen und gefragt, was die Engländer in der vergangenen Nacht in Saarbrücken getan hatten, wobei er ihn „Gentleman“ und „Schwein“ genannt habe. Daraufhin habe der angesprochene Häftling geantwortet, dass er dies „Coventrieren“ nennt. Damit habe er einen Begriff verwendet, den NS-Deutschland gebraucht hatte, als die Stadt Coventry im Jahr 1940 durch Bombenangriffe zerstört worden war. Das hätte noch niemand gewagt, so Hopper. Hier stellt sich die Frage, woher er dies wusste, oder ob er das nur vermutet hat. Daraufhin, erinnert sich, habe er zwei Aufseher gerufen, die den Häftling zusammengeschlagen haben. Dieser Mann war Patrick O’Leary, schloss die Erinnerung vom Johnny Hopper.
Die Darstellung von Johny Hopper weicht von der von O’Leary, der diese Begebenheit selbst erlebt und darüber drei Jahre später im Rastatter Prozess eine Aussage dazu macht, während Hopper diese Begebenheit fast 50 Jahre später erinnerte. Seine Darstellung unterscheidet sich von derjenigen, die der unmittelbar Betroffene in zeitlicher Nähe zu dem Ereignis gemacht hat. Diese erscheint daher glaubwürdiger. So war es in der Darstellung von O’Leary nicht der SS-Kommandant, den es in dieser Form im Lager nicht gab, sondern jemand vom Wachpersonal, das aus vom Arbeitsamt dienstverpflichteten Rentnern bestand. Nur die Lagerleitung gehörte der SS an, was das in diesem Zeitraum den Lageralltag bereits bestimmende Ausmaß des Terrors gegen wehrlose Menschen weder entschuldigt noch rechtfertigt. Es geht um Genauigkeit von Aussagen und um Quellenkritik, die notwendig ist, wenn es um Glaubwürdigkeit einer Darstellung geht. Es geht darum, jegliche Form der Angreifbarkeit einer Aussage möglichst zu vermeiden. Diese zwei Darstellungen einer Begebenheit zeigen, dass Quellenkritik notwendig ist, wenn es um Aussagen von Zeitzeug:innen geht. Die Biographie von Johnny Hopper, wie sie von Robert Wernick aufgezeichnet wurde, zeigt einen entschlossenen Mann, der in Caen lebte und dort mutig Widerstand gegen die deutsche Besetzung leistete. Er verübte Sabotage, indem er Brücken sprengte, in einer französischen Uniform einen Kranz vor einem französischen Kriegerdenkmal niederlegte, das vor einem von der Besatzungsmacht beanspruchten Gebäude stand, während die Deutschen beim Mittagessen waren. Er funkte und organisierte, was er brauchte. Dafür überfiel er Banken und tötete deutsche Soldaten, wenn er an Geld, Waffen und Informationen gelangen wollte. In den offiziellen SOE-Darstellungen kommt das Netzwerk, das Johnny Hopper und seine Frau Paulette bildeten nicht vor. Doch er arbeitete mit dem Zirkel um Dr. Chanel in Caen sowie in Paris zusammen, wohin 1942 mit seiner Frau gewechselt war. Er blieb dabei stets autonom und gehörte weder der SOE noch den Widerstandsgruppen der Kommunisten (France-tireurs et Partisans Francaises) oder der Gaullisten (Forces francaises de l’interieur) an. In Paris kam er in Kontakt mit dem Zirkel eines Dr. Chanel. Dort geriet er mehrfach in Schießereien. Bei einer wurde er verletzt, bei einer zweiten in einem Café wurde seine Ehefrau so schwer verletzt, dass er sie, das war die Abmachung unter ihnen, erschoss damit sie nicht von der Gestapo verhört und gefoltert werden konnte. Die Geschichte von Paulette und John Hooper wurde 2007 als Graphic Novel unter dem Titel „A Thorn in the Side“ von Bill Knapp verarbeitet.

Häftlingspersonalkarte des Konzentrationslagers Dachau für John Hopper. Sie kennzeichnet ihn als „N.N.“, das heißt als Nacht-und-Nebel-Gefangenen. Quelle: AA_DocID128655725


Johnny Hopper konnte nach der Schießerei und dem Tod seiner Frau untertauchen, aber im Juli 1942 wurde er bei einer Zugfahrt, bei der er ihn belastende Unterlage mit sich führte, kontrolliert. Er versuchte zwar zu fliehen, indem er scheinbar einen Zug bestieg und diesen gleich wieder verließ. Dabei schlug er den Weg zum Fundbüro an der Porte d’Orleans ein und zerriss auf dem Weg dahin die ihn belastenden Papiere. Alles schien gut verlaufen, doch als er vor den Bahnhof trat, kam er erneut in eine Personenkontrolle. Er sprang auf ein herumstehendes Fahrrad und wurde jedoch durch den in das Hinterrad geschlagenen Polizeiknüppel zu Fall gebracht. Seine Waffen fielen heraus, und er wurde verhaftet, verhört, geschlagen und kam in Haft. Er dachte über Flucht nach und hatte bereits einen Plan mit einer im Gefängnis – offenbar in Fresnes – entdeckten Leiter gefasst, als sich die bis dahin täglich Routine des Transports zu Verhören änderte. Auf den Rücken seiner Jacke wurden die Buchstaben „NN“ für „Nacht-und-Nebel“ geschrieben und er ging auf Transport.

Erste Station auf dem Weg in die Konzentrationslager: Das Lager Neue Bremm in Saarbrücken

Hoppers erste Station war Saarbrücken. Das Lager beschreibt er als ein Konzentrationslager wie Mauthausen, Natzweiler und Dachau mit rauchenden Kaminen der Gaskammern erwähnte. Das trifft auf Saarbrücken definitiv nicht zu. Diese Erinnerung erklärt sich jedoch, wenn man dazu die Erinnerung von Robert Sheppard heranzieht, der die Ankunft in Saarbrücken als Eintritt in eine „abnormal world“ beschrieb. (Helm 2005, S. 94) Saarbrücken war die erste Station für beide Männer, was diesen Eindruck erklärt. Mit Hopper kamen O’Leary, der Funker im Pat-Zirkel, Thomas Groome (1918-?) und Brian Julian Warry-Stonehouse (1918-1998) nach Saarbrücken.

Thomas Groome wurde am selben Tag wie Robert Sheppard, am 23. Juni 1944 in Natzweiler registriert, wie das für ihn angelegte Effektenverzeichnis zeigt. Quelle: AA_DocID_3173585

Stonehouse stand im Dienst der SOE und begann aufgrund seiner Mehrsprachigkeit als Übersetzer für die nach England evakuierten Franzosen. Dafür gab er seine Anstellung als Zeichner für das Modemagazin Vogue auf. 1941 kam er zur SOE und wurde zum Funker ausgebildet. Am 1. Juli 1942 sprang er über Tours ab, hatte aber zuerst Probleme, da sich sein Funkgerät in einer Baumkrone verfangen hatte. Danach war er im Einsatz und wurde jedoch am 24. Oktober 1942 bei einer Übertragung in der Nähe von Tours verhaftet, da sein Standpunkt wegen der zu langen Dauer seines Funkspruchs geortet werden konnte. Er wurde im Chateau Hurlevent bei Isère inhaftiert (M.R.D. Foot, Obituary Brian Stonehouse 20.01.1999) und nach rund zehn Monaten Haft im Gefängnis Fresnes in das Gestapo-Lager Neue Bremm gebracht. Damit waren die vier „englischen Offiziere“, unter denen mindestens ein Belgier (O’Leary/Guerisse), ein Australier oder doch ein Belgier (Thomas Groome) war und zwei Briten (Hopper und Stonehouse) zusammen. Die vier wurden am 16. Oktober 1943 in das Konzentrationslager Mauthausen transportiert. Von dort wurden sie, nun zusammen mit einem fünften Offizier sowie weiteren Häftlinge aus Mauthausen vor der näherkommenden Roten Armee am 23. Juni 1944 in das Konzentrationslager Natzweiler ins Elsass verlegt.

Thomas Groome wurde am selben Tag wie Robert Sheppard, am 23. Juni 1944 in Natzweiler registriert, wie das für ihn angelegte Effektenverzeichnis zeigt. Quelle: AA_DocID_3173585

 Als auch dort die US-Armee näher rückte und schließlich die Region im September befreite, wurden die „fünf englischen Offiziere“ in das Konzentrationslager Dachau verlegt. Dort blieben sie bis zur Befreiung des Lagers am 29. April 1945.

Fünf Männer auf dem Weg durch den Terror und in die Freiheit

Vier Männer waren am 16. Oktober 1943 von Saarbrücken nach Mauthausen verschleppt worden. Der fünfte Mann, Robert Sheppard war einen Monat zuvor nach Mauthausen gekommen. Das war kurz vor dem ungeklärten Tod von Jakob Gatys, dem ersten Toten im Lager Neue Bremm am 18. September 1943. Es heißt, er habe sich selbst nach tagelanger Folter getötet. Gatys erlag seinen Verletzungen, oder er wurde, was wahrscheinlich ist, ermordet. Sein Tod markiert den Zeitpunkt, als die Gewalt im Lager eskalierte. In diesem Zeitraum kam Sheppard nach Saarbrücken, was dieser als Eintritt in eine „abnormal world“ bezeichnete. Der Terror im Lager eskalierte, weil die Lagerleitung den als Aufsehern eingesetzten ehemaligen Bergmännern im Ruhestand keinen Einhalt gebot. Damals lagen hinter Robert Sheppard bereits mehrere Jahre als Agent für die Spezialeinheit Special Operation Executives (SOE) 1943 war er bei seinem nächsten Einsatz in den Pyrenäen verhaftet worden.

Robert Sheppard wurde rund einen Monat in Mauthausen am 18. September 1943 registriert, bevor O’Leary, Stonehouse, Groome und Hopper dort ankamen. Quelle: AA_DocID_1758681

Auch er, der in Frankreich mit dem Decknamen „Robert Marceline“ operierte, war an die Gestapo verraten und am 18. Februar 1943 verhaftet worden. Vom Gefängnis in Fresnes bei Paris kam er am 7. September 1943 in Saarbrücken an. Doch im Vergleich mit dem, was bald darauf in Saarbrücken erwartete, war die Haft dort „relativ normal“, so Sheppard. Bei seiner Ankunft im Lager in Saarbrücken zeigten sich ihm „vollkommen neue Regeln“, „eine neue Haltung“, „eine andere Art zu leben“ (Helm 2005, S. 94), wie er schrieb. So wurde er nach seiner Ankunft am 7. September 1943 im Lager Neue Bremm gezwungen, einen Mithäftling zu schlagen, was er ablehnte. Daran mussten sie sich anpassen, was einige der Häftlinge nicht ertrugen, fügte er hinzu. Was er damit meinte, zeigt ein Ereignis, dass er gegenüber der Fernsehjournalistin Ingrid Hessedenz 1990 in einer Produktion des Saarländischen Rundfunks über das Lager Neue Bremm berichtet: „Der SS-Mann (gemeint ist einer der Aufseher im Lager Neue Bremm) wollte mir wohl zeigen, was ein britischer Offizier wert ist. […] Wenn man aus dem Gefängnis kam, hatte man ja noch so etwas wie Schamgefühl. Er ließ mich vortreten und ich musste mich vor allen nackt ausziehen und in die Abortgrube steigen. Ich stand buchstäblich bis zum Hals in der Scheiße.“ Mit haushaltsüblichen Schöpfkellen musste er die gesamte Abortgrube leeren. Sheppard blieb wenige, aber ihn vollkommen schockierende Tage im Lager Neue Bremm, bevor er in das Konzentrationslager Mauthausen transportiert wurde, wo er am 18. September 1943 ankam. In Mauthausen kam er mit den anderen vier Männer zusammen, die wie er Engländer, Kanadier/Belgier in Frankreich waren. Sheppard beschreibt es in dem Film von Ingrid Hessedenz diese Begegnung wie folgt: „zu fünft wird die klassische, tägliche, ständige Art der Aufstellung sein, immer zu fünft.“ Es galt in Mauthausen, dem Konzentrationslager mit dem Steinbruch und der 186 Stufen fassenden „Todesstiege“, über Häftlinge mit einem schweren Steinbrocken auf dem Rücken hochsteigen mussten. Es galt nun für sich und die anderen Möglichkeiten zu finden, um dem System KZ und damit dem Tod durch Erschöpfung, Krankheit oder Terror zu entgehen. Das hieß, etwas einzutauschen. Es war eine Sache von Angebot und Nachfrage und um Solidarität untereinander. Es ging um Deals mit den Tätern in einer existenziellen Situation, in der es um das Überleben ging.

Nur vier der „fünf englischen Offiziere“ waren im Dienst der SOE als „britische Agenten“ im Einsatz. Dementsprechend wurden nur diese vier, ohne Johnny Hopper ins Hauptquartier zurückgebracht. Quelle: AA_DocID_86334889


Der Zeichner Stonehouse entging der Todesstiege in Mauthausen, weil er Zeichnungen für die SS ausführte. Sheppard betrieb in Dachau die Häftlingskantine, Hopper traf in Mauthausen einen alten Freund, einen Boxer. Gemeinsam traten sie zur Unterhaltung der SS in Boxkämpfen an und bekamen dafür Küchendienst, wodurch sie ihre Mitgefangenen mit Essen versorgen konnten. Später wurde Hopper in Dachau Helfer in der Krankenbaracke und konnte wiederum Häftlingen helfen. Das Netzwerk der fünf englischen Offiziere funktionierte auch, als es darum ging, kurz vor der Befreiung Dachaus die SS zu hindern, die Häftlinge zu erschießen. Die Gruppe beschaffte sich durch Diebstahl und durch Überredung von weiblichen Bürokräften Waffen, um notfalls dies zu verhindern. Soweit kam es nicht, denn die 7. US-Armee befreite das Konzentrationslager Dachau. Auch hier übernahmen die „fünf englischen Offiziere“ Verantwortung und gingen in die Offensive. Guerrisse-O’Leary half nun als Arzt in den ersten Tagen nach Befreiung, die im Lager grassierende Typhus-Epidemie zu bekämpfen. Er kehrt zur belgischen Armee zurück, diente im Korea-Krieg und wurde Chef des Sanitätsdienstes der belgischen Armee. Zudem stand er dem Internationalen Häftlingskomittee von Dachau vor. Er traf die Entscheidung, den Entwurf des Bildhauers Nandor Glid als Mahnmal auf dem ehemaligen Lagergelände zu errichten. Guerisse, der das George Cross erhielt, starb 1989. John Hopper lebten nach dem Krieg als Champignonzüchter in England. Er verstarb 1991 an Krebs. Brian Julian Warry-Stonehouse kehrte in seinen alten Beruf als Maler und Zeichner im Auftrag der Vogue, Harper’s Bazaar und dem Kosmetikkonzern Elizabeth Arden zurück. Robert Sheppard gehörte den Amicalen und Häftlingskomitees in Mauthausen, Natzweiler und Dachau an und blieb weiterhin in den Diensten der Armee. Was aus Thomas Groome wurde, ist noch zu klären. Er hat drei Konzentrationslager und das Lager Neue Bremm überlebt, so viel steht fest.

„Fünf englische Offiziere“ leisteten Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Frankreich und retteten anderen Menschen das Leben, ohne Rücksicht auf das eigene. Sie wurden verhaftet und kamen auf ihrem Weg in die Konzentrationslager als erstem Ort in Deutschland in das Gestapo-Lager Neue Bremm in Saarbrücken. Hier trafen vier der fünf Männer zusammen. Das haben sie nicht vergessen, dieses Durchgangslager, als Einstieg in eine „abnormal world“, die zumindest sie lebend hinter sich lassen konnten.

Eine Tafel der Wandausstellung auf der Gedenkstätte Gestapo-Lager Neue Bremm verweist auf die drei SOE-Agenten Robert Sheppard, Albert Guerisse alias Patrick O’Leary und Brian Wary Stonehouse. Foto: LpB Saarland

 Dieser Beitrag wurde mit Material erstellt, das von dem ehemaligen Mitarbeiter der Initiative Neue Bremm in den Jahren 2012 bis 2014, dem Diplomsoziologen Dieter Raab erarbeitet wurde.

Literatur

  • Vincent Broome: The way back. The Story of Lieut.-Commander Pat O’Leary. London 1957.
  • Thomas Fontaine, Guillaume Quesnée: Livre Mémorial. Caen 1996/2004.
  • Thomas Fontaine: Les rồles du camp de Sarrebruck dans les déportations depuis la France occupée (été 1943 – été 1944). In: Histoire et mémorie de la Camp Neue Bremm. Colloque sous la direction de Béatrice Fleury et Jacques Walter. Questions de communication. Série actes 5. Metz 2008. S.39-55.
  • Michael Foot: SOE. An Outline History of the Special Operations Executive, 1940–1946. British Broadcasting Corporation, London 1984.
  • M.R.D. Foot: Obituary: Brian Stonehouse. 20.01.1999 In: http://www.independent.co/uk/obituary-brian-stonehouse-1075024.htm(13.12.2012)
  • Sarah Helm: A Life in Secrets. Vera Atkins and the lost Agents of SOE. London 2005.
  • Cédric Neveu: La Neue Bremm et la répression en Moselle annexée (juin 1943- décembre 1944). In: Histoire et mémorie de la Camp Neue Bremm. Colloque sous la direction de Béatrice Fleury et Jacques Walter. Questions de communication. Série actes 5. Metz 2008. S. 23-39. 
  • Helen Long: Safe houses are dangerous. London 1985.
  • Sherri Greene Ottis: Silent Heroes. Downed Airmen and French Underground. University Press of Kentucky. Lexington 2001.
  • Robert Sheppard: Missions secrètes et Deportation 1939-1945: Les roses de picardie. Bayeux 1998.
  • Elisabeth Thalhofer: Neue Bremm. Geschichte des Saarbrücker Gestapo-Lagers. St. Ingbert 2019.
  • Robert Wernick: Johnny Hoper. His War against the Germans. In: Smithsonian Magazine 1993. Link http://www.robertwernick.com/articles/Johnny_Hopper.htm

 

29. Mai 2026/von Sabine Graf
Schlagworte: Dachau, Deutschland, Frankreich, Fresnes, Gefängnis, Gestapo, Gestapo-Lager, Häftling, Konzentrationslager, Männer, Mauthausen, Nationalität, Saarbrücken, Saarland, Sabotage, Verfolgung, Widerstand
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