Zwei französische Offiziere
Ein Großteil der Häftlinge im Lager Neue Bremm kamen aus Frankreich. Es waren Frauen und Männer des Widerstands, die in Saarbrücken für kurze Zeit in Haft waren, bevor sie in Konzentrationslager verbracht wurden. Zu den letzten Häftlingen des Lagers gehörte der spätere französische Diplomat und Intellektuelle Stéphane Hessel (1917-2013).
Saarbrücken als Zwischenstation auf dem Weg in das Konzentrationslager Buchenwald
„Am 8. August 1944 saßen 37 aus der Pariser Gestapohaft entlassene Résistance-Kämpfer in einem gewöhnlichen Eisenbahnwaggon, der die Gare de l’Est verließ.“ (Hessel 1998, S. 102) Einer dieser 37 Männer war 27-jährige Stéphane Hessel, geboren 1917 in Berlin als Sohn des Schriftstellers Franz Hessel und der Journalistin Helene Grund. Seit 1924 lebte die Familie, zu der noch ein zweiter Sohn gehörte in Paris. Dort studierte der junge Hessel an der Eliteschule Ecole normale superièure und trat zu Kriegsbeginn in die Französische Armee ein. Er wurde gefangen genommen, konnte jedoch nach England entkommen. Dort kam er in Kontakt mit der Spezialeinheit Special Operation Executive (SOE) und gelangte von London nach 1941 nach Frankreich, wo er sich der Résistance anschloss. Dort gehörte er dem Netzwerk „Greco“ an (Livre Mémorial, 2004, S. 1449) Im Juli 1944 kam er als französischer Offizier in Gestapohaft. Der D-Day und damit die Landung der alliierten Armee an den Stränden der Normandie lag ein paar Wochen zurück und die Befreiung von Paris am 25. August 1944 stand bevor. Doch diese erlebte Stéphane Hessel nicht, da er zu dieser Zeit bereits im seit dem 17. August 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. Er kam mit dem 45.ten von insgesamt 48 Transporten vom Pariser Ostbahnhof nach Saarbrücken, von wo bis heute die ICE/TGV-Züge in Richtung Saarbrücken abfahren. Die Fahrt der 37 Männer und der drei Frauen, den SOE-Agentinnen Bloch, Rolfe, Szabo ging nicht direkt nach Saarbrücken, sondern wurde mehrfach von Luftangriffen der Alliierten unterbrochen, so dass der Transport zuerst zurückfuhr und dann nach neuem Start nach Verdun gelangte. Dort übernachteten die Gefangenen in einer Scheune und wurden dann mit Lastkraftwagen nach Saarbrücken gebracht. (Livre Mémorial, 2004, S. 1449; Hessel 1998, S. 102) Dann die Ankunft in Saarbrücken, die Hessel wie folgt beschrieb: „In Saarbrücken wurden wir in ein Lager geführt. Nachts alle 37 in einem drei mal drei Meter großen Verschlag. Man bekam keine Luft.“ (Hessel 1998, S. 102) Schon bei der ersten, 1947 eingeweihten Gedenkstätte wurden die Umrisse der Häftlingsbaracken freigelegt. Jedoch sah das damit verbundene Konzept vor, dass das ehemalige Lagerareal nicht betreten werden sollte. Nachdem das Saarland 1957 Bundesland der Bundesrepublik Deutschland geworden war, wurde das Areal betreten und verändert, so dass Gras über Umrisse wuchs.

Ansicht der Gedenkfeier am 11. November 1947
Bei der Neugestaltung der Gedenkstätte im Jahr 2004 wurden mit Metallbändern erneut die Umrisse der Häftlingsbaracken sichtbar gemacht. Seitdem kann man bei einem Besuch dort erkennen, wie klein und damit beengt manche Baracken gewesen waren. Die mit der Enge verbundene Atemnot wollte Hessel ändern. Ihm zur Seite stand der in Paris lebende Brite, Mitglieder Royal Air Force, aber auch der SOE angehörige Frederick Forest Yeo-Thomas (1902-1964), den Hessel offenbar aus London kannte. Ihn hatte er auf dem Transport wiedergesehen: „Wir fühlten uns spontan für die übrigen 35 verantwortlich. Sollten wir nicht beim Lagerleiter vorstellig werden und um mehr Raum bitten? Vergeblicher Versuch. ‚Wir sind immerhin Offiziere‘ – ‚Scheiße seid ihr’. Das verhieß nichts Gutes. Auf dem zentralen Platz des Lagers drehten sich Häftlinge mit hinter dem Kopf verschränkten Armen, von SS-Männern lauthals verhöhnt im Kreis. Wir fielen aus allen Wolken.“ (Hessel 1998, S. 102) Auch Hessel ordnet das Wachpersonal der SS zu, was faktisch nicht zutrifft, da die Aufseher vom Arbeitsamt dienstverpflichtet worden und meist pensionierte Bergmänner gewesen waren, die hier ohne Eingreifen der Lagerleitung die Häftlinge terrorisieren konnten. Auch die Beschreibung Hessels der Folter, der die Häftlinge ausgesetzt waren, erscheint in seiner Darstellung kurios, was offensichtlich auf einen Übersetzungsfehler zurückging: Belegt ist, dass die Häftlinge mit hinter dem Kopf verschränkten Armen in der Hocke um das Löschwasserbecken hüpfen mussten. Hessel schrieb hingegen, dass sie sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen im Kreis drehen mussten. Das ergab ein mehr als bizarres Bild! Zudem schrieb er, dass er mit den anderen bereits am nächsten Tag in Richtung Thüringen in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden wären. Das trifft nicht zu. Die drei SOE-Agentinnen, die mit den Männern nach Saarbrücken gekommen waren, gelangten am 22. August nach Ravensbrück. Die 37 Männer gingen am 16. August 1944 auf Transport und wurden, wie aus den Häftlingspersonalkarten des Konzentrationslagers Buchenwald hervorgeht am 17. August 1944 dort registriert.
Das Konzentrationslager Buchenwald, Block 17 und der bevorstehende Tod durch den Strang
Stéphane Hessel und Frederick Forest Yeo-Thomas wurden in Buchenwald registriert und kamen in Block 17. „Wir werden keinem Arbeitskommando zugeteilt. Die Tage vergehen mit Nichtstun.“ (Hessel 1998, S.103) Es erfolgten Luftangriffe auf an das Lager angrenzende Fabriken und Hessel hoffte, dass bald die Befreiung des Lagers erfolgte. Er registrierte die Gleichzeitigkeit von dem Tode naher, ausgemergelter Menschen und der Gründung eines Streichquartetts, das Mozart spielte, wozu die im Konzentrationslager (anders als im Gestapo-Lager Neue Bremm) die Organisation innehabende SS die Erlaubnis erteilt hatte.

Haftbogen von Stéphane Hessel im Konzentrationslager Buchenwald. Darin wird der 17. August 1944 als Eintrittsdatum in das Konzentrationslager Buchenwald. Acht Tage davor war er am 9. August in das Lager Neue Bremm eingeliefert worden. Quelle: Arolsen Archives, DocID_6094828
Auch konnte er dort Radionachrichten über einen angebrachten Lautsprecher hören und erfuhr so von der Befreiung von Paris. Doch noch war die Gefahr groß, hier sein Leben zu verlieren. Das wurde ihm bewusst, als am 8. September 1944 16 Männer aus seiner Baracke zum Wachturm des Lagers gebracht wurden. Ein bereits seit längerer Zeit in Buchenwald internierter Franzose, der als Wissenschaftler dem Lagerarzt zugeordnet ist und daher Privilegien besaß, bestätigte, was Hessel ahnte: Die Männer wurden hingerichtet. Dieser Mann namens Balachowski und Eugen Kogon, Buchenwald-Häftling und Autor des Buches „Der SS-Staat“ halfen nun Hessel und den anderen, der auch ihnen bevorstehenden Hinrichtung zu entgehen: “Yeo-Thomas hat verstanden, dass uns alle die Exekution erwartet.“ (Hessel 1998, 105) Der Engländer, der zwar Offizier, aber kein Franzose war, hatte den Ernst der Lage erfasst und die „geheime kommunistische Leitung des Lagers“ (Hesse 1998, S. 105) um Hilfe gebeten, „die glaubt“ jedoch, „ihre Interventionen den Parteigenossen vorbehalten zu müssen.“ Auch Yeo-Thomas war ein SOE-Mann und operierte unter dem Decknamen „Kenneth Dodkin“, auf den auch seine Häftlingspersonalkarte des Konzentrationslagers Buchenwald ausgestellt worden war.

Das Inkognito von Frederick Forest Yeo-Thomas blieb auch nach seiner Einlieferung in das Konzentrationslager Buchenwald bestehen. Auch er übernahm ab dem 13. Oktober 1944 die Identität eines an Typhus verstorbenen Häfltings. Quelle: Arolsen Archives AA_DocID_5766505
Im Livre Mémorial ist er mit seinem richtigen Namen aufgeführt, so wie Albert Guerisse ebenfalls mit seinem Decknamen „Patrick O’Leary“ auftaucht. So wenig wie der Belgier Guerisse weder Kanadier noch Engländer war, so wenig war Yeo-Thomas Franzose, obwohl er in Frankreich lebte. Er war ein geradezu smarter Mann, der Risiken einging und auch den Decknamen „White Rabbit“ trug. Er saß nicht nur dem „Schlächter von Lyon“, Klaus Barbie in einem Speisewagen gegenüber und konnte ihn glauben machen, dass er ein Unterstützer der Nationalsozialisten wäre. Er hatte sich auch fünf Minuten bei Premierministern Winston Churchill erkämpft, um ihn von der Notwendigkeit der Unterstützung der französischen Armee zu überzeugen. Auch unternahm er mehrere, am Ende erfolgreiche Fluchtversuche aus Buchenwald, wo er zwar gefasst, aber durch geschicktes Agieren als in ein Kriegsgefangenenlager kam und aus anderen Lagern. Diese über ihn verbreiteten Informationen zeigten, was für ein cleverer und vor allem mutiger Mann er gewesen war. Dass er den späteren Autor der James Bond-Romane, Ian Fleming kannte, der ebenfalls für die Abwehr tätig war, wurde in der Vergangenheit erwähnt, wenn es um die von Fleming geschaffene Figur des Geheimagenten 007 ging.
Der Tausch der Identitäten und damit die Rettung aus der Todesgefahr
Yeo-Thomas gab nicht auf und fand Unterstützung bei Balachowski und Kogon. Sie sprachen den Lagerarzt an. Ihr Plan war, die Namen der von der Hinrichtung bedrohten Häftlinge mit den Namen der im Sterben liegenden Typhuskranken zu tauschen. Kurz: Die von der Hinrichtung durch den Strand bedrohten Männer um Hessel wurden als an Typhus erkrankt gemeldet und sollten daran offiziell versterben. Auf ihre Namen wurden Totenscheine ausgestellt. Die dazugehörigen Leichen waren jedoch tatsächlich an Typhus verstorbene Häftlinge, deren Namen Hessel und die anderen übernahmen und fortan trugen. Das hatten Yeo-Thomas mit Balachowski und Kogon verabredet. Doch dazu musste der Arzt mitspielen. Diesem war längst klar, dass der Krieg verloren war. Nun ging es für ihn darum, die eigene Haut zu retten und sich rechtzeitig Belege zu sichern, die er bei den Alliierten für sich und seine Rettung vor dem Todesurteil vorbringen konnte. Er stimmte daher zu. Jedoch musste auch der Funktionshäftling, sprich „Kapo“, der eine Machtposition im Lager innehatte und für den Bereich zuständig war, überzeugt werden.

Funktionshäftlinge wurden auch „Kapo“ genannt und wurden in Konzentrationslagern mit Wachdiensten und Aufsicht betraut. Sie standen in den Lagern zwischen der Häftlings- und Tätergesellschaft und hatten daher Machtpositionen inne, die sie auch gegen die anderen Häftlinge ausnutzten und Gewalt einsetzten. Die Lagerleitungen setzten sie bewusst ein, um die Häftlingsgesellschaft zu zersetzen.
Das gelang mittels eines weiteren Mannes aus dem Umfeld von Kogon und Balachowski. Yeo-Thomas entschied dabei, wer von diesem Plan profitierte. Denn es waren nur drei Personen, die auf diese Weise gerettet werden konnten. Dazu gehörten ein Engländer, Yeo-Thomas selbst und ein Franzose, Stéphane Hessel: „Warum mich?, fragte sich Hessel (Hessel 1998, S. 106). „Damit ein französischer Offizier dabei ist? Weil ich Deutsch spreche? Wer weiß? Vielleicht aus Freundschaft.“ Dafür mussten die drei in den Block 46, in die Krankenbaracke, die von dem gefürchteten Kapo betreut wurde. Dort warteten sie darauf, dass unter ihnen im Erdgeschoss die schwerkranken Franzosen starben und der Identitätstausch vollzogen werden konnte. Da Hessel mit dem Namen eines anderen Mannes namens „Michel Boitel“ weiterleben sollte, musste er mit diesem sprechen, damit er auf Nachfrage korrekte persönliche Angaben zu seiner neuen Identität machen konnte. Noch in seiner Schilderung dieser Zeit viele Jahrzehnte später, war zu spüren, was dies für ihn bedeutet hatte, auf den Tod eines anderen zu hoffen, um selbst weiterleben zu können. Yeo-Thomas bzw. Dodkin „starb“ am 13. Oktober 1944 und lebte unter einem anderen Namen weiter.

Totenschein für Stéphane Hessel, dessen Geburtstag und sein Todestag identisch sind. Quelle: Arolsen Archives, DocID_6094825
Auch der Engländer, den Yeo-Thomas ausgewählt hatte, lebte bereits unter neuen Namen weiter. Nur Stéphane Hessel wartete auf den Tod eines jungen Mannes und hätte, wäre in dieser Zeit der Hinrichtungsbefehl gekommen, ebenfalls in den Tod gegangen. Auch ging es dem Erkrankten besser und Hessel erwog einen Fluchtversuch. Doch Kogon lehnte diesen Plan ab und teilte ihm mit, dass er abwarten sollte. Dann, am 20. Oktober 1944, dem 27. Geburtstag von Stéphane Hessel verstarb der an Typhus erkrankte Michel Boitel, und Hessel konnte dessen Identität übernehmen. Er und Yeo-Thomas überlebten. Eine Chance, die sich ihnen in dem kleinen und von großer Brutalität bestimmten Lager in Saarbrücken wahrscheinlich nicht geboten hätte.
Literatur
- Thomas Fontaine: Les rồles du camp de Sarrebruck dans les déportations depuis la France occupée (été 1943 – été 1944). In: Histoire et mémorie de la Camp Neue Bremm. Colloque sous la direction de Béatrice Fleury et Jacques Walter. Questions de communication. Série actes 5. Metz 2008. S.39-55.
- Stéphane Hessel: Der Tanz mit dem Jahrhundert. Zürich 1998.
- Cédric Neveu: La Neue Bremm et la répression en Moselle annexée (juin 1943- décembre 1944). In: Histoire et mémorie de la Camp Neue Bremm. Colloque sous la direction de Béatrice Fleury et Jacques Walter. Questions de communication. Série actes 5. Metz 2008. S. 23-39.